Totaler Horror. Aber auch schön!

Tag 18

Alta-Nordkapp

410,2km

Insgesamt: 5482,5km

 

Die Nacht auf neben der Straße war hervorragend. Die dicken Flechten und Moose waren die beste Matratze überhaupt. Über dem Zelt rauscht der Wind durch die Bäume. Kurz hinter Alta kann man dann genau beobachten, wie sich abermals die Landschaft ändert. Die Baumgrenze ist erreicht. Es wird kahl. Die Weite des Nordens beginnt.

Ein totes Rentier liegt neben der Straße. Neben diesem kann man ab sofort aber massenhaft ganz lebendige beobachten. Abbiegen nach links. Es geht eine Landschaftsroute, die ich noch nie gefahren bin, nach Havøysund. Diese fährt ans Ende der südwestlichen Halbinsel des Nordkapps. Einsamkeit und die Natur prägen diese Straße. Und Rentiere. Touristen sind hier kaum noch, klar, die fahren alle ans Nordkapp. Schroffe Felsen, türkisblaues Wasser. Steinstrände. Natürlich muss ich rein. Frisch ist es. Ein Bergsee bei uns daheim im Frühjahr ist aber kälter. Auffällig ist der viele Plastikmüll an den Stränden. Vor allem von der Fischerei, sieht es aus.

Auf einmal ein halb verfallenes Lagerhaus neben der Straße. Natürlich muss ich da rein. Was ich darin finde ist echt spannend. Da dürfte jemand Militaria gesammelt haben. So liegt hier von alten Granaten, Nähmaschinen, Fahrräder bis hin zu Kleidung und zwei Fahrzeugen irgendwie alles bunt gemischt herum. Natürlich lasse ich alles dort, wo es ist. Ein Einheimischer kommt dennoch her und schaut durchs Fenster: “I think you are not supposed to be here!” Ich bejahe das und verlasse das Gebäude, während er ganz genau schaut, was ich hier mache. Ah, Du machst nur Fotos. “Ja”. Ich teile ihm mit, dass ich keinen Ärger machen will, nichts klaue und wünsche ihm einen schönen Tag. Er droht mir, dass ich, wenn mich die Polizei sehen sollte, eine Strafe zahlen müsste. Man dürfe nicht ein Polizeiband überschreiten, hier wäre was passiert. Ich nicke und denke mir nur - dann versperrt das große Tor doch einfach, aber natürlich hat er Recht. Aber es war zu spannend. Ohne etwas Weiteres zu sagen geht er wieder.

Wir fahren auch weiter in die “Stadt”. Eine Hochzeit gibt es. Einen Supermarkt, viele Windräder an der Klippe. Das wars. Achja und Fischerei.

Das Wetter ist für mein Gefühl viel zu mild, ja fast heiß. Wind gibt es nicht mehr. Irgendwie kommt nicht die richtige Nord-Stimmung auf.

Wir biegen auf die letzte Straße nach Norden ein. Leider ist diese mittlerweile sehr begradigt, viel der alten Romantik ist so im wahrsten Sinne auf der Strecke geblieben. Tunnel ersetzen jetzt das Ausfahren um die Berge am Wasser. Klar, so bekommt man die Massen ans Kapp. Mir schwant sowieso Übles.

Die alte Bunkeranlage am Nordkapp muss natürlich besucht werden. Aber auch hier sehe ich schon von weitem - wir sind nicht alleine. Sonst war ich definitiv der einzige vor Ort, jetzt stehen hier Wohnmobile, bei denen ich mich fragen muss, wie und vor allem warum man damit dorthin fährt. Der Weg ist schon “bumpy”. Die tiefen Wasserdurchfahrten sind alle ausgetrocknet. Naja, jetzt sehe ich wenigstens, was ich damals mit dem Krad und dem Jimny gefahren bin. Die letzte Fahrt zur Anlage ist - abgesperrt. Irgendwie ist das dieses Jahr ein Ding hier. Also geht es zu Fuß weiter. In der Ferne liegt die Stadt Honningsvag.

Dort will ich etwas später unbedingt noch ein Bier kaufen - ab 18 Uhr gibts aber nichts mehr. Nervig für einen Deutschen, aber gut. Der vollgepiercte Kassierer schiebt gelangweilt die Waren über die Kassa. Auf seiner Hand eintätowiert: “Woke”. Na super.

Am Nordkapp dann muss man seit Neuestem wieder bezahlen. Teuer ist es nicht. Aber nachdem sie vor vielen Jahren die komplett Gebühren abgeschafft haben, ist das ein Schlag ins Gesicht, muss ich sagen. Sogar als Person muss man eine “Outdoor area fee” bezahlen, was ich nicht mache. Es kontrolliert mich aber auch keiner. Ich fahre, wie die allermeisten hier, 3500km durchs Land, gebe viel Geld aus und soll jetzt 1,50 bezahlen? Da geht’s nicht ums Geld, da geht’s um das Signal. Da bin ich froh, dass ich noch einen Parkplatz VOR der Schranke ergattern konnte, wie viele andere auch. Zahlen muss ich so nicht. F*ck the system.

Ein kurzer Blick auf die Weltkugel reicht mir vorerst - es sind hunderte Leute anwesend. Also zurück auf die Wiese, Zelt aufbauen und kochen. Es gibt Spaghetti mit Shrimps. Ausgeszeichnet.

Schlafenszeit.

Um eins stehe ich nochmal auf. Die Mitternachtssonne ansehen. Nur noch zwei Tage ist diese zu sehen. Bevor ich aus dem Zelt rausgehe, höre ich sie schon. Im Halbminutentakt kommen die Reisebusse der zwei großen Kreuzfahrtschiffe und karren Leute ran. Ich gehe über den mittlerweile vollen Parkplatz nach vorne. Hier herrscht Ruhe. Das Licht ist weich und rötlich.

Mich trifft der Schlag. Hier sind tausende Menschen. Laut, wuselnd, anwensend. Ich komme ums Gebäude rum und sehe die glutrote Sonne, nur knapp überm Horizont. Daneben die ikonische Weltkugel. Und noch weitere hunderte Menschen. Genießen kann ich das nicht. Ich muss ganz ehrlich sein, das war nichts. Zu viele Menschen. Alle aufgeregt, was verständlich ist. Mit einigen komme ich ins Gespräch. Sie waren vor 20 Jahren schon mal hier, mit den Hurtigrouten. Jetzt mit der Aida. Wirklich gesehen haben sie nichts vom Land. Jetzt sind sie hier. Rein, raus. Schlangen vor den Bussen.

Diese hupen die Rentiere beiseite. Ach, lass gut sein. Nach ein paar Fotos und Videos, beschließe ich über das weiche Gras einen kleinen Spaziergang zu machen und bin mit meinen Gedanken allein. Nur die vielen Busse sind zu sehen und hören.

Würde ich die Reise nochmal machen? Nein. Nicht zu dieser Zeit.

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Der wahre Norden.

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“Sonnenuntergang”