“Sonnenuntergang”
Tag 17
Tromso-Alta
432,4km
Insgesamt: 5072,3km
Als ich gerade auf dem Campingplatz meinen morgendlichen Bericht schreibe, spricht mich ein Mann an. “That’s such a cool car, man!”. Ich entgegne ihm, dass ich ihn auch sehr schätze und er schon das zweite Mal hier oben auf großer Reise ist. Wie er fährt? Nicht gut. Dafür kommt er überall hin. Wie viel PS? Er hatte mal 86. Dafür piept er nicht. Nichtmal, wenn ich unangeschnallt fahre(n) sollte. Ein längeres Gespräch entwickelt sich um den Kleinen. Er hingegen mit seinem Tesla Y zieht einen kleinen Offroadcampingwagen. In diesem Modell bin ich vor kurzem auf der Offroadmesse in Österreich länger gesessen. Tolles Teil. Mit dem E-Auto hat er eine Reichweite von 150-180km. Reichweitenverlust habe er generell nach sechs Jahren. Ich lächle innerlich und stelle fest, was für ein solides Auto mein Würfel doch ist. Generell sieht man hier oben deutlich weniger E-Autos. Temperaturen von minus 20-30° im Winter und die hohen Kosten verderben es den Nordmännern wohl etwas.
Danach geht es vorbei an der Eismeerkathedrale über die für Autos momentan gesperrte Brücke rüber nach Tromso. Direkt am anderen Ufer ist über die letzten Jahre ein komplett neues Stadtviertel entstanden, das zwar modern gebaut, aber irgendwie ganz gut in die Gegend passt. Die Norweger schaffen das mit der modernen Architektur, wir oftmals eher nicht so.
Während wir den nördlichsten Burger der Welt im Burger King essen, schaue ich auf die Fußgängerzone, die gerade neue gebaut wird. Muss schon ein tolles Gefühl sein, wenn man etwas baut, was hier viele Jahrzehnte stehen bleiben wird.
Wir verlassen die Stadt Richtung Norden. An den Tankstellen oder Supermärkten lassen die Leute gerne die Motoren ihrer Autos laufen. Manchmal gibt es sogar Schilder, dass man die Motoren abstellen soll. Aber Hauptsache Du rettest daheim mit Deiner Start-Stop-Automatik den Planeten. Und wir sind hier in Norwegen. Aber gut, der Gedanke versetzt Welten.
Die Ortstafeln werden dreisprachig. Norwegisch, Samisch und Kven, einer finnischen Sprache.
Endlich gibts wieder was Neues. Ich möchte die Marine Küsten Batterie 3/512 Lyngen besuchen. Etwa einen Kilometer geht es über einen holprigen Forstweg zum Ziel. Krüppelbirken, die nur wenige Meter hoch sind, säumen den Wegesrand. Ansonsten nur noch Moose und Flechten.
Angekommen, das Auto abgestellt und zu Fuß weiter. Die ersten mehr oder weniger befestigten Stellungen sind klar zu sehen. Nur die Munitionsbunker sind im hinteren Teil aus Beton gegossen. Der Rest einfach nur ausgehoben, Laufgräben und Stellungen mit Steinen ausgekleidet. Die ersten größeren Bunker erscheinen.
Manche sind bis zur Decke abgesoffen, selbst wenn ich wollte, ohne Taucherausrüstung komme ich da nicht rein. In anderen reicht mir das Wasser bis zur Hüfte. Das ist auch einer der Gründe, warum ich die peinlichen Adiletten trage. Wenn sie nass werden und das werden sie auf meinen Ausflügen oft, trocknen sie sehr schnell wieder. Und das ist das, was zählt.
Weiter hinten dann der Kommandobunker.
Fast vorne an der Spitze der erhöhten Landzunge kommt ein explodierter Bunker. Zuerst denke ich an die Operation “Verbrannte Erde”, der taktischen Sprengung aller Bunker, damit nichts an den Feind fall kann. Hinweisschilder berichten aber von anderen Möglichkeiten. Man weiß es nicht genau, was hier passiert ist. Gerüchte besagen, dass nach dem Abzug der Deutschen ein Zivilist im Jahr 1945 den Pulverraum versehentlich hochgejagt haben soll. Aber das sind alles Mutmaßungen, die ich nicht bestätigen kann. Dafür spricht, dass alle anderen Bunker intakt sind, das wäre bei "Verbrannte Erde”, wie man es dann weiter oben im Nordosten sehen kann, nicht passiert. Auf jeden Fall feststellen kann man aber, dass tonnenschwere Blöcke zum Teil einige dutzend Meter vom eigentlichen Standort entfernt liegen. Das muss ordentlich gerummst haben. Auf einem Bunker hat ein Arbeiter oder Soldat seinen Namen als Camoflage eingeritzt. “Rudi Weil” steht in circa ein Meter großen Buchstaben vorne dran. Vielleicht hieß aber auch nur der Bunker so.
Im Hintergrund die spektakulären Lyngenalpen. Hier und da sind noch die Drehgestelle der Kanonen zu sehen. Alles in allem eine sehr spannende Einrichtung, die kaum vandalisiert wurde.
Langsam setzt der Sonnenuntergang ein. Die Sonne steht tief, will aber nicht untergehen. Kein Wunder, wenn man auf folgenden Screenshot schaut:
Am Kafjord wird kurz Halt gemacht. Der Gedenktstein beim Tirpitzmuseum ist Pflicht.
Am ursprünglichen Liegeplatz des berühmten Deutschen Schlachtschiffs sieht man noch einen Krater einer Tallboybombe. Dort, wo seit einigen Jahren eine Brücke über den Fjord in einen Tunnel führt, liegen noch etliche Überreste, unter anderem zwei Kanonen, am Straßenrand. Einfach so. Ich frage mich, wann das endlich restauriert und in ein Musueum kommt.
Diese Farben. Dieses Licht.
Mein Ziel ist es, den üblichen Campingplatz anzusteuern. Dort angekommen, verneint der muffig gelaunte Campingwart aber. “I think so, there is probably no space left”. Ich schaue mich um, ja, die Zelte stehen eng aneinander, aber einen Platz hätte ich auf dem Areal locker noch gefunden. Danke für nichts, dann machen wir halt kein Geschäft. Nur 500 Meter weiter nördlich gibt es einen hervorragenden Platz, direkt neben der Straße, mit Toilette und im Wald mit Meerblick. Gibt halt keine Dusche. Ist auch ok.