Am Arsch der Welt.

Tag 20

488,5km

Insgesamt: 6731,8km

Das Wetter ist gut. Es ist Ebbe und das riecht man auch. Die Algen und das Seegras liegen brach. Steine schauen aus dem Watt hervor. Ich fahre eine Straße, an der man nichts findet. Kaum Hütten, mir kommen auf 150km gefühlt 50 Autos entgegen. Keine Tankstellen, keine Supermärkte. Hier und da große Gatter der Sami, die dort ihre Rentierherden verwalten. Es hat angenehme 20° als ich in das Fjell einfahre. Ein schrulliger Finne sagte mir noch: „You will feel like u are on the moon!“ - das kann ich jetzt bestätigen. Der Blick schweift in die Ferne. Vor mir nur das graue Band der Straße mit den gelben Fahrbahnmarkierungen. Der starke Wind, der keine Gegenspieler mehr findet, trifft mich mit voller Wucht. Meist fahre ich Schräglage ohne eine Kurve zu bestreiten.

Mitten im Nichts kommt dann plötzlich wieder eine Fischfabrik - klar, die brauchen an sich nur einen landungsfähigen Hafen. Skurril ist es trotzdem. Teilweise ist die Straße so kaputt wie in der DDR, dann wieder durch eine neu asphaltierte große Straße unterbrochen. Mit der Maschine ist es gerade noch erträglich, mit einem Auto wohl eher kein Spaß. Die unterschiedlichen Blautöne des Wassers sind einfach nur magisch. Links von mir eine unbewohnte Landzunge, die gut und gern 60km lang neben dem Nordkap ins Eismeer ragt. Hier oben ist einfach nichts mehr. Hier und da Schilder, die auf Konvoifahrten hinter einem Schneeräumfahrzeug hinweisen. Im Winter geht hier sonst nichts mehr, zu schnell würde der Wind die Straße wieder verwehen. Auf einmal scheint die Sonne durch ein Wolkenloch und hüllt einen kleinen Kreis vor mir ins Licht. Die Farben explodieren, kurz dahinter fängt wieder die Steinwüste Mordors an. Kalt, alles lebenswerte verschwunden. Nach eineinhalb Stunden Fahrt komme ich in Melhamn an, einer winzigen Enklave im Nirgendwo. Ein Supermarkt, ein Kaffee, ein Modegeschäft, das Menschen über 80 glücklich machen wird - das war’s dann. Surreal. Ich fahre weiter Richtung Gamvik. Die strahlend weiße Kirche leuchtet schon von weitem. Hier ist es noch intimer. Weiter nach Slettnes Fyr, dem nördlichsten Leuchtturm auf dem europäischen Festland. Hier gibt es ganze zwei Touristen, einer davon bin ich. Und hunderte Rentiere, vermutlich mehr als Einwohner des Dorfes. Die Sache hier oben hat einen Haken. Die Fahrt ist zwar eine der Schönsten, die ich in Norwegen hatte. Es handelt sich aber um eine Sackgasse, so dass man mindestens 123km mal zwei nehmen muss. Das ersparen sich die meisten. Gut für mich. Am Abend werde ich von Norwegern in ihren Camper eingeladen und mit Bier und Snacks verköstigt. Sie erklären mich allesamt für verrückt, wer tut sich sowas freiwillig an, wollen sie wissen. Ja, ich habe ein Problem, aber ein Gutes!

Übrigens - auf den vielen Baustellen wird auch Abends fleißig gearbeitet. Erklärt so einiges. Schaffen wir in der absteigenden BRD nicht mehr wirklich, groß denken und Dinge verwirklichen.

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Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!

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Ich dachte, ich muss schwimmen.