Ich dachte, ich muss schwimmen.
Tag 19
440,7km
Insgesamt: 6243,3km
Hammerfest war genial. So klein. So weit draußen. Ein bisschen Redneck, aber so ist das hier eben. Rentiere, die mitten in der Stadt abhängen. Verrückt. Geschwindigkeitsbegrenzungen? Nicht hier oben. Kontrolliert eh niemand. Und das Beste? Endlich mal ein Weg, den ich noch nicht kannte.
Ab nach Norden. Die Fahrt? Einsam. Gut so. Die Camper kommen erst später, dann ist hier die Hölle los. Oben angekommen schleiche ich mich illegalerweise direkt zum Globus vor um mein Foto zu machen. Keiner beschwert sich. Dafür bekommt man viele gute Gespräche. Ich liebe es. Die Ankunft war dieses Mal relativ unemotional, was gut ist. Ich habe meinen Frieden mit diesem Ort gemacht. Dreimal Nordkap in fünf Jahren, das soll mir mal jemand nachmachen. 31€ Eintritt, nur damit man Postkarten kaufen kann, halte ich für eine Frechheit. Nun denn.
Zurück in Honningsvåg, der letzten Stadt vor dem Nordkap. Ich treffe einen Mongolen, der von der Mongolei 12.000km mit dem Fahrrad hierher gefahren ist - meine Leistung von damals verschwindet vor meinen Augen. Dann an der Tanke - der verrückte Holländer, der mit einer 77er Yamaha hierher gefahren ist. Die freundlichen Chinesen, von denen ich am Kap ein Foto gemacht habe, die so liebevoll grüßen. Es sind immer die Menschen, die eine Reise toll oder eben schrottig machen.
Ein bisschen weiter südlich entschließe ich mich zu einem Küstenfort zu fahren. Der Weg ist als Wanderweg angeschrieben - aber es ist niemand hier und ich sehe schon andere Reifenspuren. Schnell abgebogen und hinter dem Horizont verschwunden. Ich bin auf mich gestellt. Der Weg ändert sich recht schnell zu einem anspruchsvollen Abenteuer. Die ersten Wasserdurchfahrten machen noch Spaß. Als dann aber eine 15m lange und relativ breite Furt kommt, die tief zu sein scheint, geht der Puls nach oben. Ich fahre drauf los, das gnadenlose Scheitern immer vor Augen. Es klappt. Das Wasser steht mir bald zu den Knien. Bin ich froh, nicht stehen geblieben zu sein, sonst wäre ich nicht mehr rausgekommen oder im schlimmsten Fall - umgefallen. Aber der Reifen greift gut. Man sieht halt keine Hindernisse unter dem schlammigen Wasser. Am Ende begrüßt mich ein schauriges Bild. Stacheldrahtzäune, windschief, aber immer noch an Ort und Stelle, kündigen die ersten Stellungen an. Unverändert seit 44. Etwas weiter dann der erste von vier Regelbauten, großen Geschützstellungen. Alle gesprengt. Ich vermute, dass die Bauten von der Wehrmacht selbst im Rahmen der „Verbrannten Erde“ zerstört wurden, da man das so nur im Osten findet. Zerborstene 2m dicke Stahlbetondecken. Verformtes Metall. Tonnenschwere Teile liegen zum Teil 100m weit weg. Das muss gerumst haben.
Es fängt an zu regnen, nein eher zu schütten. Der Rückweg wird lustig. Vor der großen Wasserdurchfahrt überlege ich an der Seite vorbeizufahren, sehe dort aber tiefe Spuren im Morast. Da komme ich alleine nicht mehr raus. Also durchs Wasser. Ich schaffe es abermals. Kurzzeitig denke ich, die Kombi wäre undicht. Aber nein, es ist nur der Angstschweiß - alles gut. Als ich wieder auf der Straße bin, kann ich mir das Lachen nicht verkneifen. Das war eines der geilsten Erlebnisse, die ich in meinem Leben gemacht habe. Die nächsten Minuten habe ich ein Dauergrinsen im Gesicht, während ich versuche vom Fahrtwind zu trocknen. Egal. Das war es wert!