Auf Chaos folgt Perfektion
Tag 7
257,3km
Insgesamt: 2203,1km
Endlich. Die Sonne. War ja nicht so schwer. Ich sattle den Gaul und verlasse schweren Herzens die mittlerweile so vertraute Gegend um Bergen. Ostwärts. Immer am Sørfjord entlang. Schon verrückt, wie weit man jetzt vom offenen Meer entfernt ist und doch könnte man von hier aus mit dem Boot direkt Richtung Bergen zurückfahren. Mitten durch die schroff abfallenden Bergrücken, nur unterbrochen durch Wasser und eine Straße. Vorbei an der Stadt Voss, die namensgebend für das teure Abzockerwasser in der Designerflasche gewesen sein dürfte, mit dem der/die oder das Nachwuchsbobo versucht der Öffentlichkeit seinen/ihren Reichtum zu offenbaren. Jo mei.
Der Fjord verengt sich und ab sofort ist ein Fluss der ständige Begleiter. Auf den Bergen Schnee. Ich fahre nach Stalheim mit seinem berühmten roten Hotel. Nun gut, die Originale sahen besser aus - sind aber regelmäßig abgebrannt. Die Aussicht vom Denkmal des „Keiser Wilhelm II.“, der ganze 25 Sommer an diesem Ort verbrachte, ist grenzgenial. Noch besser ist - ich kann sie alleine genießen. Bei bestem Wetter und um die 20°. Was ein Unterschied zu den 9° am Morgen.
Bedauerlich ist nur, dass die weltbekannte Serpentinenstraße, die Stalheimskleiva zu meinen Füßen gesperrt ist. Ich werde wohl ein 6. Mal nach Norwegen müssen.
Weiter gehts Richtung Flåm mit seiner berühmten Bahn. Schon von weitem erkenne ich zwei Kreuzfahrtschiffe und wo diese sind gibt es immer das selbe Problem. Horden an Menschen. Nichts wie weiter - das brauche ich nicht.
Ich entscheide mich gegen eine Durchfahrt durch den Lærdalstunnel, der mit 24,51km der längste Straßentunnel der Welt ist. Damit fällt die Wahl zum zweiten Mal in Folge auf den Weg hoch übers Auerlandsfjell. Dachte ich zumindest. Ich komme keine 200 Meter weit den Berg hoch bis mir Entgegenkommende signalisieren - aus is - da gehts nicht weiter. Zwei Wohnmobile haben sich weiter oben wohl so verhakt, dass es kein vor und zurück mehr gibt. Na toll. Wieder runter und warten. Ich fahre auf jeden Fall rauf. Kein wenn und aber und wenn ich an der Straße übernachten muss.
Eine Stunde später scheint es weiterzugehen. Zumindest kommt niemand mehr runter und ich entschließe mich loszufahren. Ein paar Autos sind noch vor mir. Es geht langsam voran. Immer wieder muss ich für Minuten stehen bleiben. Ich traue meinen Augen nicht: Da kommen mir doch tatsächlich drei Reisebusse entgegen. Kein Wunder, dass da nichts vorangeht, ist die Straße oftmals kaum breiter als mein Lastenesel und ein Passieren ist selbst mit dem Motorrad schon eine Herausforderung. Wie geht das, bzw warum dürfen Wohnwägen da immer noch rauffahren, frage ich mich abermals. Naja, immerhin habe ich jetzt freie Fahrt. Kurve um Kurve schlängle ich mich steil nach oben, der Blick zwischen Fjord und Steilhang schweifend. Klappt besser als gedacht, schließlich sind das meine ersten wirklichen Haarnadelkurven. Nur nicht einschüchtern lassen - genug Motorradfahrer verlieren hier den Halt und kippen peinlichst berührt um.
Oben angekommen, ein kurzer Gang auf den Stegastein Aussichtspunkt, 650m über dem Meer. Sehenswert, aber wieder zu viele Menschen. Weiter gehts aufs Fjell rauf.
Was soll ich sagen - eine geniale Kurve jagt die nächste. Kein Verkehr mehr, oben angekommen schweift der Blick in die Ferne. Neben der Straße Schneeverwehungen, die mich um Meter übersteigen. Dazwischen kleine Seen, die Straße und - Nichts. Ja Wahnsinn, ich flipp aus. Ich habe schon keine Ahnung mehr wo ich hinsehen soll. DAS ist die Perfektion von perfekt und einer der schönsten Eindrücke meines Lebens. Geschwindigkeit, Sound, runterschalten und Vollgas zur nächsten Kurve. Die 400kg werden schwerelos. Die Koffer - nicht vorhanden. Die Extase befriedigt.
Wieder im Tal angekommen bin ich so durch, dass ich nur noch Pause machen will - um das Ganze zu verarbeiten. Der Motor heiß, der Auspuff knistert. Was ein Ritt.