Polarkreis.
Tag 24-28
1002,2km
Ingesamt: 5763,2km
Viele Geschäfte haben mittlerweile schon geschlossen. Nebensaison. Das merkt man auch auf den Straßen - es ist kaum was los. Manchmal fahre ich stundenlang alleine. Drei Fähren am Stück und ich muss insgesamt vier Stunden warten. Am Fahrplan haben sie in den letzten vier Jahren nicht gefeilt - auch damals war ich schon über die Anschlüsse verwundert. Die Burnouts auf der Straße sind aber immer noch angesagt. Schnell fahren darf man ja nicht. Die hochgerüsteten Offroadfahrzeuge kommen alle aus Deutschland oder der Schweiz. Vielleicht ein bisschen viel denke ich mir - finde sie aber echt bärig. Die Landschaft wird zunehmend wilder und schroffer. Man sieht immer öfter die Überbleibsel der Eiszeit. Glatt geschliffene Felsen, ja Berge und teilweise blauleuchtende Gletscher.
Immer wieder Bunkeranlagen. Alle offen, alle für die Ewigkeit gebaut. Ich stehe an der Küste als ich tief unter mir ein Geräusch höre. Ich drehe mich um und erblicke Delfine. Wenige Meter von mir entfernt. Dutzende. Auf der Jagd. Was ein Anblick.
Da wo ich mich 2017 noch mühsam mit dem Rad den Berg hinaufgeschleppt habe, steht jetzt ein Tunnel. Auch um 20 Uhr wird hier noch an den letzten Feinheiten gearbeitet. Ich erspare mir hier einen Kommentar über die Peinlichkeiten meines Heimatlandes nichts mehr ordentlich gebaut zu bekommen. Nachts wird es nun kälter. 7-8 Grad sind keine Seltenheit. Man gewöhnt sich an alles. Ich weiß was mich am nächsten Morgen erwarten wird und schlafe aufgeregt ein. Mit der Fähre fahre ich schließlich ein paar Stunden später über den Polarkreis. Das Wetter ist rau und nasskalt. Nichts kann mir den Moment rauben. Ich befinde mich ab jetzt in der Polarregion. Ich fahre weiter über einsame Straßen - der Himmel wolkenverhangenen. Auf den Gipfeln beginnen die ersten Schneefelder und man kann abermals den ein oder anderen Gletscher sehen. Enorme Preisunterschiede an der Tankstelle machen die Entscheidung zu Tanken nicht immer einfach. Manchmal beträgt die Differenz bis zu 0,20€ pro Liter. Ich habe mir angewöhnt jede Tankstelle unter 1,60 € an zu steuern und zu tanken egal wie viel ich brauche. Je weiter ich in den Norden komme erscheinen auch die 1,70 erstrebenswert. Der Rekord liegt grade bei 1,91. In Bodø sehe ich die erste Radarkontrolle mit dem Laser - auch bei starken Regen. Ansonsten gilt die Devise - kontrolliert wird nur dort, wo es sich auch lohnt. Also um die Ballungszentren. Kennt man ja von daheim. Um Verkehrssicherheit geht es nicht. Wenigstens sind hier die Radarkästen alle per Schild angekündigt. Am Land fahren die Leute durchaus zügiger. In Bodø besuche ich dann das Nationale Flugzeugmuseum. Beeindruckende Exponate warten hier darauf angestarrt zu werden. Garantiert ohne negative Reaktionen ihrerseits. Ärgerlich ist nur der Strafzettel über 30€ wegen Falschparken vor dem Museum. Man musste ein Ticket ziehen und durfte dann 3h gratis parken. Zu lesen auf einem kleinen Schild neben der Einfahrt. Bei Regen will man halt einfach nur schnell rein. 5 Minuten nach Verlassen meines Autos bekomme ich den Zettel. Ich hasse diese Abzockerparkplatzfirmen und diejenigen, die ihre Betriebsflächen an diese vermieten. Aber was soll‘s. Die Fähre um 16:30 nach Moskenes fährt mir vor den Augen davon, obwohl ich schon eingecheckt war. Mist. Die nächste geht erst um 1:45. Der Regen kommt nun von überall her. Ausgerechnet heute, denke ich mir. Hilft nichts - das wird eine einsame Nacht im Wartehäuschen. Von wegen. Ich treffe ein Pärchen aus Österreich mit dem ich mich hervorragend unterhalte. So hervorragend, dass ich die nächsten 24h mit ihnen verbringen werde. Plötzlich ist die ganze Halle voller lachender Menschen - es wird gekocht, Karten gespielt, gegenseitig Ratschläge ausgetauscht. Sry, ganz normales Leben eben. In diesen Momenten vermisse ich die Heimat kaum. Die Überfahrt ist dann durchaus unruhig. Der Bug des großen Schiffes klatscht kraftvoll gegen die Wellen. Manches mal zittert das ganze Deck. Im Halbschlaf habe ich Gott sei Dank keine Ideen daran eine Seekrankheit zu entwickeln. Während der Achterbahnfahrt schlafe ich langsam ein. Es geht unsanft con Wellental zu Wellental. Vier Stunden später dann die Ankunft bei Sonnenschein - aber starker Wind auf den Lofoten. In den nächsten Stunden erklimme ich den Reinebringen und bin stolz meine Höhenangst unter Kontrolle gehabt zu haben. Ich zelte auf einem einsamen Hügel direkt am Meer und fange mehrere für mich doch schon sehr große Fische. Da der Hunger nicht so groß ist dürfen diese aber weiterschwimmen. In den nächsten zwei Tagen fahre ich gemütlich bei bestem Wetter in Richtung Andenes, dem nördlichsten Punkt auf den Vesterålen. Dazwischen begegne ich immer wieder einem Reiseradler aus Milano, der auf dem Weg ans Nordkap ist. Erinnerungen.
Ich bin angekommen in der Kälte, im Wind, im Unwirtlichen. Auch wenn die Sonne scheint, wird es nie über 15°. Der Wind macht daraus ganz schnell eine einziffrige Temperatur. Hier im Norden sehe ich durch Zufall einen MX5 vor einem Geschäft stehen. Natürlich bleibe ich stehen und mache ein Foto. Der Besitzer kommt aus dem Haus raus, ist hoch erfreut einen anderen zu sehen (hier oben gibt es nämlich nur drei, zwei davon hat er) und macht für seinen Club ein Foto vom Verrückten aus Tyskland. Seit einigen hundert Kilometern sieht man erstaunlich wenig Elektroautos. Klar, Planwirtschaft funktioniert eben nicht. Die Bobozone zählt hier oben wenig. Die Autos werden gerne beim Tanken laufengelassen - es regiert der Pickup. Auch Landschaftlich fühlt man sich an Nordamerika erinnert. Die Geschwindigkeiten der anderen werden höher. Obwohl selbst schon zehn km/h drüber, werde ich ständig überholt.
Von nun an wird es immer wilder, immer unfreundlicher. Perfekt.