Der Sommer ist vorbei - soviel steht fest.
Tag 33-34
Senja - Nordkapp - Zwischen Narvik und Bodø
Insgesamt 7458,8km
1507,9km
Nach ein paar ruhigeren Tagen in bester Gesellschaft muss es weitergehen, auch wenn ich gar nicht weiter will. Das Wetter spielt aber gar nicht mit. Wanderungen fallen ins Wasser - eigentlich darf man das Auto gar nicht mehr verlassen. Der Herbst ist da, wie man außerdem auch an den sich schon verfärbenden Bäumen erkennen kann. Immer wieder überdenke ich meinen Plan. Soll ich bei diesem Wetter wirklich ans Kapp fahren?
Sei’s drum. Nur deswegen bin ich hergefahren. Nachdem am Nachmittag dann alle Pläne über den Haufen geworden wurden, fahre ich los. Das wird eine Horrorfahrt, bin ich mir sicher. Und so wird es auch kommen. Endlose 700km quäle ich mich in die Nacht und immer Richtung Norden davon. Der Himmel irgendetwas zwischen Sturm, Starkregen und kurzen Momenten des Offenfahrens. Am Ende bin ich über hunderte Kilometer das einzige menschliche Lebewesen da draußen. Apropos Lebewesen. Ich liste mal kurz die Tiere der Größe nach auf, die ich gestern fast überfahren hätte (von klein bis groß): Fliege, Schnecke, kleiner Vogel, Elster & Möwe (beides große Vögel), Marder (oder sowas in der Art), Hase und letzten Endes ein Rentier. Ziemlich viele Schreckmomente - aber trotz meiner Müdigkeit habe ich die Reflexe eines Eichhörnchens und kein Tier wurde in seinem körperlichen Wohlbefinden gestört. Trotz der Dunkelheit und dem dichten Nebel erkenne ich viele Orte wieder. Das alte verlassene Haus in dem ich schonmal war, der kleine Fischerhafen, der Souvenirladen. Plötzlich kommt er, der schlimmste Tunnel, durch den ich je gefahren bin. Sogar mit dem Auto ist er irgendwie furchteinflössend - fällt er doch 3km mit 10% einfach geradeaus runter. Dunkel ist er, naß und auf der Seite nur durch Sand und Geröll befestigt. Dann unten 4km unter dem Meer durch um am anderen Ende das ganze in umgekehrter Richtung zu wiederholen.
Ich passiere Honningsvåg. Die letzten 30km geht es durch Einöde. Trotz Sauwetter öffne ich auf den letzten Kilometern das Verdeck und fahre offen vor. Eine Frage der Ehre. Ich komme an. Öffnungszeiten 11-16 Uhr. Die Schranken sind aber offen und ich kann mich auf den Parkplatz stellen. Nichts wie raus, bevor ich im Stehen einschlafe und zum Globus. Meine Güte, der Wind. Und die Kälte. 4°, um genau zu sein. Wild. Übernächtigt packe ich die Kamera und das Stativ ein und marschiere los. Sind ja nur ein paar Meter. Angekommen, bin ich viel zu müde und verfroren um Gefühle über meine Rückkehr zu empfinden. Ich stelle das Stativ auf, befestige irgendwie die Kamera und versuche die Knöpfe zu drücken. Meine Hände sind bereits unbrauchbar. Schnell Zeitauslöser eingestellt und rauf auf die Stufen - ein Meisterwerk wird das nicht. Aber es ist egal. Ich bin da. Auf einmal kommt er wieder, der Regen. Ich renne zurück zum Auto - aber zu spät. Ich bin komplett nass. Ein Gewitter zieht über mich, das Auto wackelt. Zelt aufbauen? Sinnlos. Also muss ich das machen, was ich vermeiden wollte - versuchen in einem MX5 zu schlafen. Der Innenraum kühlt dann doch schneller aus, als erwartet. Also doch nochmal raus und den Schlafsack geholt. Jetzt schneit es schon ein bisschen. Himmel Herrgott - ich werd mir hier noch den Tod holen. Mit nasser Kleidung schäle ich mich irgendwie in den Schlafsack und - nicke weg. Erholsam kann ich den Schlaf dann aber nicht nennen, wohin mit dem Kopf? Egal was ich ausprobiere - es ist und bleibt unbequem. Aber wenigstens im Trockenen. Zwei Stunden Schlaf werden es aber dann doch, ehe ich unsanft aufwache. Ja hilft nichts - jetzt bin ich eben wach. Also raus - nochmal vor und Fotos machen. Die Kälte kriecht überall rein. Wenn ich jetzt krank werde, würde ich es verstehen, sage ich mir. Auto umstellen, Foto machen, weiterfahren - Moment - hier muss ich auch noch eines machen - ach verdammt, das ist schief…. Ja gut - so kann man es zur Not lassen. Aber die Straße sieht auch noch so fein aus… anhalten - raus und so weiter. Fast hätte ich vergessen mit der Drohne zu fliegen. Es regnet schon wieder halb - aber die Bilder werden zu gut. Wenn jetzt die Drohne einen Wasserschaden bekäme und vom Himmel fallen würde - egal - die Bilder sind im Kasten und enorm wertvoll.
Erst als ich wieder im Auto sitze und gegen Süden fahre, wird mir klar warum ich nochmal hier her musste. Es war 2017. Es war meine Fahrradtour ans Nordkapp. Genau wie die jetzige Reise war auch die damalige eine absolute Schnapsidee. Aber ich habe es gemacht. Wie? Ich kann es mir heute nicht mehr genau vorstellen. Zu groß sind die Distanzen, zu herausfordernd das Wetter, zu anstrengend die Etappen. Ich kann es mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen, wie ich das geschafft habe. Die Dimensionen sind erschlagend - auch mit dem Auto. Ohne rot zu werden kann ich behaupten: Ich bekomme einen Riesenrespekt vor meiner damaligen körperlichen und geistigen Leistung hier hoch zufahren. Obwohl ich die letzten vier Jahre jeden Tag an die Tour gedacht habe und es zurecht die Reise meines Lebens war, konnte ich sie nie so richtig verarbeiten. Wenn ich jetzt sage, dass ich die nächste halbe Stunde sehr nah am Wasser gebaut war, schäme ich mich nicht. Unglaublich, wie nah es mir gegangen ist, meine Tour nochmal „zu erleben“.
Es muss weitergehen. Ab in den Süden - wo hoffentlich das Wetter besser sein wird. Wieder fahre ich 13 Stunden… 13 Stunden zwischen Sonne und Weltuntergang - im Minutentakt.