Man sind die blöd!
Tag 21
22km
Insgesamt: 508,9km
Heute frühstücke ich mal in einem Lokal nebenan. Überredet. Das erste Mal seit 21 Tagen ein Ei. Orangensaft, gutes Brot mit Butter, Kaffee - das ist der pure Luxus und eine Geschmacksexplosion. Wie kann man sich über sowas nur so freuen, wundere ich mich.
Der Weg wird sehr schnell sehr steil und schwer zu begehen. Ich winde mich oberhalb der E6 über Wurzeln und Steine immer weiter den Berg rauf. Der Untergrund ist sehr rutschig. Im Tal sonst noch zu finden: eine Bahnstrecke und der wilde Fluss Driva. Immer wieder stürzen Wassermaßen über spektakuläre Wasserfälle von ganz oben herab und Tal. Diese und viele andere Flüsse muss ich durchqueren. Die Schuhe versinken im schlammigen Morast und das nasse Gras durchtränkt Stück für Stück mein Schuhwerk.
Nachdem der erste Anstieg vorbei ist, habe ich nur kurz Zeit zum Verschnaufen. Nach nur wenigen Metern geht es abermals steil bergauf. Quer ab vom Tal und der E6 den Berg hoch. Ich passiere eine Stelle mit viel Schafswolle am Boden, samt totem Schaf ein paar Meter daneben. Ich nehme den Weg nach oben, das Wasser den Weg nach unten. So stapfe ich durch ein Rinnsal nach dem anderen. Nach etlichen Höhenmetern erreiche ich abermals die Baumgrenze. Die Sicht auf die Felsgipfel und die Weite des Fjells wird frei. Wolken ziehen herum. Es regnet. Ich bin total klamm. Die Steigung flacht immer mehr ab und plötzlich stehe ich wieder mitten im Nichts. Keine Geräusche. Nur der Wind. Kilometerlange ungetrübte Sicht. Darüber staunt man einfach immer wieder.
Nachdem es auf dem Weg einfach nichts gibt, was die Sinne ablenken könnte, mache ich mir Gedanken über die ansässigen Bewohner - die Schafe. Was sind das eigentlich für selten dämliche Wesen, denke ich mir. Sie hören Dich, sehen Dich und erschrecken. Defäkieren erstmal (vermutlich macht sie das dann schneller). Traben dann langsam vor Dir weg. Bleiben stehen, drehen sich um, schauen Dich an, blöken und laufen weiter weg. Bleiben wieder stehen und stellen fest, dass Du Ihnen immer noch nachläufst. Laufen wieder exakt dem Weg entlang. Manche machen das viele hundert Meter. Bis sie plötzlich merken, dass Du Ihnen nachläufst. Dann peitschen sie panisch endlich zur Seite davon.
Heute erwartet mich eine kalte Nacht im Zelt in den Bergen, morgen kommt dann der Schock der Zivilisation.