Wasser, Farbenspiel und der unsichtbare Feind
Tag 4:
89,7km - 5:50:49h - insgesamt: 386,06km
Da wo gestern noch alles wolkenverhangen grau in grau langweilt, erwartet mich heute strahlender Sonnenschein. Linker Hand der Randsfjord mit seinem eisenblauen Wasser, vor mir eine meist neu geteerte pechschwarze Straße ohne jegliche Beschädigungen, rechts ein Blumenmeer in allen erdenklichen Farben. Dazwischen immer wieder großflächige Felder. Wie toll muss das zur Erntezeit aussehen. Angenehm warme Temperatur, nicht heiß.
In Norwegen scheint es Sitte zu sein, neben der Bundesstraße einen tiefen Graben zu ziehen. So bleibt oftmals nur ein schmaler Grad zwischen Verkehr und Abgrund und zwingt einen zum konzentrierten Fahren. In eben einer dieser Gräben entdecke ich diesmal ein echtes Wildtier - nur leider hat es den Tag nicht überstanden. Ein kapitaler Dachs liegt bäuchlings mit seinem schön glänzenden Fell und der herausstechenden Zeichnung auf dem Kopf da. Schade drum. Die zweite Sichtung ist dann schon viel lebendiger. Zwei Rehe kreuzen keine 30 Meter vor mir in aller Ruhe die Straße, schauen mich an und verschwinden ob eines herannahenden LKW im Dickicht auf der anderen Seite.
Gerade bei warmen Wetter muss man immer ausreichend trinken und da man nie weiß, wo es die nächste Möglichkeit zum Auffüllen gibt, nutzt man jede Frischwasserstelle. Besonders beliebt bei mir sind Friedhöfe, da sie immer kostenloses Trinkwasser anbieten. So kommt es, dass ich allein heute 5 mal auf einem dieser Plätze halt mache um nachzufüllen.
So fahre ich Stunde um Stunde mal rauf mal runter und ärgere mich über den nächsten Feind des Radfahrers: den Wind. Und der kommt immer aus der falschen Richtung. Es ist mental äußerst frustrierend, wenn man auf einer ebenen oder abschüssigen Strecke hart gegen an treten muss.
Die ersten Ausfallerscheinungen machen sich breit. Das Gesäß tut weh und einzelne Muskelstränge ziehen. Langsam kommt die Phase, in der es nicht mehr allzu sehr auf die Kraft ankommt, sondern vielmehr auf den Willen - den werde ich morgen brauchen, sehe ich doch vor mir schon die nächsten Berge.