Nordkapp. Ohne Pause. Pannenfrei.
Tag 26
102,96km - 7:23:31h - insgesamt: 2673,55km
Die Nacht war stürmisch und kalt. Immer wieder schrecke ich aus dem Schlaf auf, wenn eine Windbö versucht mein Zelt auseinander zu reißen. Packen, auf zum letzten Tag.
Das Wetter ist hervorragend. Keine Wolke am Himmel. Gestern naßkalt, morgen das selbe Spiel. Ein Traum.
Noch 50km bis Honningsvåg. Dazwischen der Nordkapptunnel, mit seinen knapp sieben Kilometer Länge und 230m Tiefe. 2 davon geht es mit 9% gerade runter. 2,2 fährt man eben dahin - unter dem Meer wohlgemerkt und den Rest geht es mit 10% geradeaus wieder rauf. Das wird auf lange Zeit der längste, einschüchterndste und schweißtreibendste Tunnel bleiben. Man braucht Mut um ihn zu durchfahren, die Autos und der Schwerlastverkehr fahren mit einem Höllenlärm nur knapp an mir vorbei. Die Warnweste trage ich die letzten Tage durchgehend.
Honningsvåg. Frühstück. Nur noch 30km. Nur noch.
Noch nie habe ich 30km so dermaßen unterschätzt wie hier. Es geht insgesamt vier mal von fast null auf über dreihundert Meter rauf. Die Landschaft ist karg. Keine Bäume, nicht einmal Büsche wachsen hier. Man ist Wind und Wetter schutzlos ausgesetzt. Aber ich fahre im Tshirt und kurzer Hose bei Sonnenschein.
14:26 - Ich sehe das erste mal das Nordkapp. Gleich da, denke ich mir. Nein, nicht gleich da. Hügel und so. Ich spüre die Anstrengung, jeden Muskel, wie er arbeitet. Egal, alles egal. Bald da. Insgesamt dauert es noch 2,5h bis ich das Häuschen sehe und mit ihm 100e Wohnmobile. Na sauber. Fahrradfahrern bleibt der Eintritt erspart, das ist nett.
Ich fahre um das Häuschen herum und sehe zum ersten Mal in natura die silberne Weltkugel, die ich schon so oft in Film und Fernsehen sehen konnte. Ab an den Zaun mit Blick auf das Eismeer und auf das Nichts.
Ich stehe am Nordkapp. 71° 10' 22". Ende des Kontinents (!) Europa.
Die Gefühle überschlagen sich.
26 Tage und fast 2700km habe ich mit 25 Kilo Gepäck und Verpflegung mein 14 Kilo Fahrrad über Berge, Fjorde, Straßen, Schotterwege, Fähren und Wiesen gefahren oder geschoben. Jeder einzelne Meter ist aus eigener Kraft geschafft worden.
Ich treffe Martin, einen Mitstreiter seit ca 2 Wochen wieder. Wir Zelten ein paar Kilometer südlich des Nordkapps und entzünden ein Lagerfeuer. Die Sonne nähert sich in einem glutroten Feuerball dem Meer. Krönender Abschluss.
Am nächsten Tag (heute) stürmt und regnet es. Die Bremsen reagieren durch den Regen schlechter. Der Wind will einen von der Bahn fegen. Was für ein Glück hatte ich doch mit diesem gestrigen Tag!
Idioten haben ihre Höllendemo, ich hatte meinen Höllenmonat!
Großartige Momente reihten sich an aussichtslose. Ich habe in den letzten Tagen mit Menschen allerlei Völker geredet, gelacht und versucht Probleme zu lösen. DAS ist Völkerverständigung, nicht die schändliche Aufgabe oder Unterwerfung der eigenen Kultur und Herkunft! Das ist mein friedliches und unterschiedliches Europa, wie ich es so sehr liebe.
Mache ich noch eine Radreise? Auf jeden Fall! Es ist aber noch nicht ganz vorbei, irgendwie muss ich jetzt nach Hause kommen.