Der Weg zurück.
Ich habe gut geschlafen. Nur das Rascheln des Zeltes und die Motoren der Busse, die bis tief in die "Nacht" ans Kapp fahren, waren zu hören. Mein eigenes Schnarchen höre ich Gott sei Dank nicht. Ich öffne das Zelt, es ist kalt. Die Wettervorhersage stimmt und so kann ich noch vor Beginn des Windes das Zelt in Ruhe abbauen.
Die Laune ist wirklich mies. Bin ich doch bis jetzt 26 Tage immer nur nordwärts gefahren, muss ich nun in die andere Richtung. Mein seit Jahren bestehendes Traumziel ist erreicht und damit in meinem Kopf gelöscht. Eine Leere macht sich in mir breit.
Ich bin um jeden Meter froh, den ich am Vortag gefahren bin. Der Wind entwickelt sich zu einer rabiaten Angelegenheit. Kein Strauch, nichts kann ihn aufhalten mich zu jagen. Er klatscht mir die dicken Regentropfen direkt ins Gesicht. Manchmal habe ich Rückenwind, die meiste Zeit kommt er aber erbarmungslos von der Seite oder von vorne. Lage schieben macht beim Segeln Spaß, beim Radeln ist es eher gefährlich. Bergabfahren geschieht im Schneckentempo, möchte ich doch nicht von einer Bö umgeworfen werden. Die Bremsen sprechen wegen der naßen Bremsfläche nur sehr schwach an. Immer wieder fahre ich über die halbe Straße, wenn ich merke, dass ich schon in die Gegenfahrbahn geraten bin. Ich sehe, wie der Wind das Wasser auf der Strasse vor mir her treibt.
Endlich erreiche ich nach quälend langen Minuten die Stadt Honningsvåg. Dort startet Busladung über Busladung mit Menschen, die die Schiffe der Hurtigruten ausspucken, Richtung Kapp. Der Sturm pfeift durch die Häuser, ich bin verfroren und klamm. Schutz finde ich in der Kirche der Stadt. Sie wurde beim Rückzug der Deutschen vor der Roten Armee als einziges Gebäude verschont und diente den Menschen hier oben nach dem Kriege für einen Neuanfang. Jetzt sitze ich erschöpft und frierend zum ersten Mal in Norwegen schutzsuchend in genau dieser Kirche und überfliege meine Reise.
Wie nervös war ich doch alleine schon beim Warten auf die Fähre von Dänemark nach Norwegen. Wie läuft das ab, wo muss ich mich anstellen. Fragen über Fragen. Das erste Mal den Fuß auf Norwegisches Festland setzen. Die ersten Meter. Hält die Technik? Die ersten Erfolge. Oslo, die hohen Berge auf dem Weg nach Trondheim, dort das erste Mal wieder Meer. Trondheim. Trondheim! Man sieht schon einen Fortschritt auf der Karte. Wahnsinn. Schon weit oben, aber gerade mal ein Drittel meiner Reise. Aber ich bin dort. Wird mein Zelt der zum Teil schwierigen Witterung standhalten können?
Von nun an geht es weiter an der Küste. Bodø. Verrückt! Schon befinde ich mich auf den wunderschönen Lofoten. Bin ich weit draußen, denke ich. Dann die Traumstadt Tromsø. Unglaublich. Bremsbacken wechseln, hoffentlich mache ich nichts kaputt und es funktioniert alles danach. Fahrradmechaniker findet man hier nicht um die Ecke. Aber es funktioniert. Die Kilometer rauschen durch. Plötzlich dann, Olderfjord, die letzte Straße zu meinem Ziel. Honningsvåg, die letzten 30km. Nordkapp.
Die größte Unsicherheit und Angst hatte ich aber vor mir selbst. Nachdem ich zwei Wochen vor Abreise krank im Bett lag, war meine eigene Gesundheit das größte und wichtigste Ausrüstungsteil, das ich hatte. Nur ein leichter Schnupfen hätte sofort alles beendet. Augenblicklich. Die Kraft, die man braucht, kann man dann nicht mehr aufbringen. Immer wieder, wenn es besonders naß, windig und kalt war trieben mich die Gedanken schier in den Wahnsinn. Aber meine Gesundheit hält wie durch ein Wunder an.
Ein Scheitern wäre für mich persönlich einer Katastrophe gleichgekommen. Auch wenn sicher viele gesagt hätten, 1000, 2000km sind ja auch schon viel, für mich wäre es ein bedeutender Rückschlag und eine Schmach gewesen. Hieß es doch: Ziel nicht erreicht.
Angst davor, mein gestecktes Ziel von im Schnitt 100km am Tag zu erreichen hatte ich nicht. Auch ohne Training davor. Die Kraft kommt schnell, wenn der Kopf mitspielt - kein Problem. Für die nächste Reise werde ich mich aber trotzdem sportlich gründlicher Vorbereiten.
Auch die Ausrüstung wird zum Teil ergänzt, zum Teil stark verringert werden. Vieles, was für meine Tour durch die BRD 2015 gut gereicht hat, hat sich in Norwegen als unpassend erwiesen, vor allem die Kleidung und der Schlafsack. Die BRD war aber auch Kindergarten. Das Gewicht verzeiht nichts, muss man es ja überall mitnehmen. Spätestens am Berg rächt sich jedes Gramm. Insgesamt verliere ich 7,5 Kilo auf der Reise.
Ich nehme den Bus von Honningsvåg nach Alta. Gepäck und Rad kommen in den Kofferraum. So sitze ich schlecht gelaunt und patschnass in der letzten Reihe und versuche aufzutauen. Mir wird speiübel. Aber ich konnte immerhin noch einen Flug für den nächsten Tag ergattern - ich komme am Freitag noch nach Hause!
Nun steigt aber wieder die Nervosität. Wie geht das mit dem Rad und dem Gepäck? Wie muss ich es verpacken? Das erste Mal fliege ich unter diesen Umständen.
Ich baue das letzte mal mein Zelt auf, koche, schlafe und packe. Die letzten 6km zum Flughafen. Ergriffen fahre ich die Strecke zurück, auf der ich noch 4 Tage zuvor voller Zuversicht, körperlicher und geistiger Anstrengung und Freude nach Norden gefahren bin. Alles kommt wieder hoch. Vor dem Flughafen heißt es dann: aus 5 mach 1. Die Packtaschen müssen in eine in Honningsvåg gekaufte Sporttasche rein. Wie durch ein Wunder, passt auch alles rein. Mehr wäre kritisch gewesen. Ab zum Einchecken. Lenker drehen, Pedale ab, Luft raus, Folie drüber - fertig. Die Dame am Schalter nimmt mir meine Unsicherheit mit einem Lächeln. Einfach. Die Sicherheitskontrolle verläuft so, wie bei uns vor vielen, vielen Jahren, als wir noch unbeschwert leben konnten. Insgesamt fliege ich dreimal. Alta-Oslo, Oslo-Kopenhagen, Kopenhagen-München. Eigentlich. Vor München wird der schon anstrengende Flug wirklich heftig. Die kleine Maschine ist ein Spielball der Elemente. Abrupte Schläge, Luftlöcher, Blitze links und rechts. Wir fliegen durch ein kapitales Gewitter. Jeder aus der Gegend kann sich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe. Totenstille im Flieger. Durchsage. Platzrunde, bis sich die Lage beruhigt. Sie beruhigt sich nicht. Nächste Durchsage: Ausweichziel Frankfurt am Main. Traumhaft. Dort gelandet, werden wir nach einer längeren Wartezeit auf dem Rollfeld vom Bus abgeholt. Die Nacht verbringe ich wohl hier. Wenn ein Flughafen wie München gesperrt wird, herrscht selbst in Frankfurt Chaos. Ich bekomme einen Gutschein für eine Nacht im Hotel. Ich beeile mich und beziehe Quartier. Um halb 12 noch schnell zum Supermarkt, habe ich doch den ganzen Tag noch nichts gegessen. Gegen 12 komme ich zurück ins Hotel und sehe hunderte, wenn nicht tausende Menschen in der Lobby stehen. Da habe ich Glück gehabt, freue ich mich. Die letzten werden sicher erst gegen 2-3 in der Früh in ihren Zimmern angekommen sein. Eine Zahnbürste hat mir das Hotel geschenkt. Meine Kleidung wasche ich noch schnell durch, viel hilft das aber nicht. Das Gepäck habe ich nicht bekommen. Das erste mal seit 30 Tagen ein Bett. Ich schlafe kurz aber himmlisch.
Der Rückflug klappt dann problemlos und mein Vater holt mich am Flughafen ab. Das Wiedersehen mit meinen Eltern war von mir lange freudig erwartet.
Ich bedanke mich bei meinen Eltern für die Hilfe und Unterstützung, ohne die so eine Reise in meiner jetzigen Situation nicht möglich gewesen wäre. Ich bedanke mich für jeden einzelnen Kommentar, die vielen Nachrichten und gedanklichen Anker, die ich hier von Euch bekommen habe. Natürlich habe ich lange überlegt, ob ich diese Reise so öffentlich gestalten, Gedanken und Gefühle preisgeben soll. Letztendlich wurde ich aber nicht enttäuscht. Es freut mich, wenn ich den ein oder anderen zumindest zeitweise aus dem Alltag entführen konnte. Ich für meinen Teil bin genau durch so einen "Blog" auf die Idee mit dem Reiseradeln gekommen.
Zum Schluss gibt es nur noch eines zu sagen: Danke Norwegen, Du warst atemberaubend!