Tag 2 - Wo die Häuser unter Felsen wohnen
Lindesnes-Stavanger
208,3km
Gefahrene Kilometer: 1890,5 km insgesamt
Weiter geht die Reise – von Lindesnes Richtung Stavanger. Dabei folge ich der ersten von insgesamt 18 „Nasjonale turistveger“, also Norwegens offiziellen Landschaftsrouten. Diese Strecken führen durch besonders schöne und kulturreiche Gegenden des Landes. Die erste Etappe ist die Route Jæren, die in Flekkefjord beginnt und auf rund 130 Kilometern bis kurz vor Stavanger führt.
Jæren ist eine der flacheren Regionen Norwegens, bekannt für ihre weiten Felder, offenen Horizonte und die rau-schöne Nordsee. Man fährt hier abwechselnd über normale Schnellstraßen und kleine Nebenstraßen – vorbei an Bauernhöfen, langen Sandstränden und immer wieder Spuren norwegischer Geschichte.
Ein echtes Highlight entlang des Weges: Helleren bei Jøssingfjord.
Hier stehen zwei historische Häuser direkt unter einem überhängenden Felsen, der sie seit Jahrhunderten vor Wind und Wetter schützt. Die heutigen Gebäude stammen aus dem 19. Jahrhundert, wurden aber vermutlich auf noch älteren Fundamenten errichtet. Was besonders fasziniert: Die Dächer wurden nie gedeckt – der überängende Fels selbst übernimmt den Wetterschutz. Leider sind die Häuser dieses Jahr aber nicht mehr zugänglich, letztes Jahr waren sie noch begehbar. Ob da der Massentourismus schuld ist?
Direkt bei Helleren liegt übrigens der geschichtsträchtige Jøssingfjord – ein schmaler, dramatisch eingeschnittener Fjord mit steilen Felswänden an und durch die die Straße weiter nach oben geht. Hier ereignete sich 1940 ein wichtiges Kapitel des Zweiten Weltkriegs, auf das mehrere Gedenksteine hinweisen: die sogenannte Altmark-Affäre. Ein britisches Kriegsschiff griff im neutralen Norwegen das Deutsche Versorgungsschiff „Altmark“ an, das norwegische Gewässer nutzte, um Schutz zu suchen und Kriegsgefangene der Graf Spee aus Buenos Aires nach Deutschland zu transportieren. Die Briten befreiten dabei rund 300 Gefangene und töteten acht Deutsche Seeleute. Für Norwegen war das politisch heikel, denn es brachte die fragile Neutralität ins Wanken – und zeigte, dass sich der Krieg langsam auch hierhin ausbreitete. Heute erinnert nur noch wenig vor Ort daran – die Natur hat sich ihren Frieden zurückgeholt.
Wikipedia zitiert wie folgt: “Die Norweger waren verärgert, dass ihre Neutralität verletzt worden war, und wollten nicht in einen europäischen Krieg gezogen werden. Tatsächlich säte der Altmark-Zwischenfall bei den Alliierten und in Deutschland Zweifel über die norwegische Neutralität. Beide Seiten hatten Eventualpläne für militärische Aktionen gegen Norwegen, vor allem in Bezug auf die Verkehrswege des schwedischen Eisenerzes, von dem die deutsche Rüstungsindustrie im frühen Stadium des Krieges abhing.”
In der Bildmitte erkennt man die in den Fels gehauene Straße.
Später lege ich einen kleinen Umweg ein – und der lohnt sich richtig. Ich besuche zum ersten Mal Sogndalsstranda, ein charmantes, altes Küstenstädtchen mit maritimem Flair. Die kleinen zumeist weiß gestrichenen Holzhäuser, enge Gassen und der alte Hafen erinnern an frühere Zeiten. Früher war hier viel los mit Fischerei und Handel, das erkennt man sofort. Heute ist der Ort eher ein „Geheimtipp“ für Reisende, die es “ruhig” und “authentisch” mögen. Tatsächlich war es eher beschaulich, vermutlich kann es hier aber auch ganz anders aussehen. Einige der Häuser stehen unter Denkmalschutz, und es gibt kleine Cafés und Galerien – perfekt für eine entspannte Pause.
Am Straßenrand wird dann das Mittagessen zubereitet – in einer Parkbucht mit Blick aufs Meer. Einfach unbeschreiblich. Im Hintergrund hört man nur das Rauschen der Wellen und das Blöken der Schafe.
Von hoch oben wird man stets überwacht.
Was mir auf dieser Etappe besonders auffällt, sind die vielen, teils fast weißen Sandstrände, oft gesäumt von sanften Sanddünen. Dazwischen grasen Schafe, das Meer glitzert, und das Licht hat dieses typisch Nordische – besonders am Abend wirkt es fast magisch.
Die ersten größeren Tiere am Wegesrand.
Auffällig: Viele Norweger sind mit dem Motorrad unterwegs – laut, schnell, und oft mit so schräg montierten Nummerntafeln oder offenen Auspuffen, dass sie bei uns zuhause wohl längst aus dem Verkehr gezogen wären. Aber hier oben ticken die Uhren eben anders – und das ist gut so.
Hin und wieder sieht man neben der neuen Straße noch die alten Fahrwege – schmal, kaum breiter als ein Auto, und mit großen Steinen an den Seiten gesichert. Diese uralten Wege waren früher die einzige Verbindung zwischen den Orten – heute sind sie teils noch als Wanderwege zugänglich.
Ein Bunker des Atlantikwalls.
Blick aus dem Bunker nach unten.
Mein Jimny schlägt sich übrigens hervorragend – klein, wendig, zuverlässig, und einfach wie gemacht für diese kurvigen Küstenstrecken. Besonders auf den schmalen Nebenstraßen spielt er seine Stärken aus. Kommt mal ein LKW oder ein großes Wohnmobil, kann ich einfach zur Seite fahren. Auch wenn er kein Autobahn-Renner ist: Für Touren wie diese ist er einfach perfekt.
Den Abend klingt dann auf einem Campingplatz direkt am Meer aus. Ohne Campingplatz kommt man in dieser Gegend fast nicht aus - Plätze zum Wildstehen gibt es wenige.
Ein Schiffswrack aus dem Jahr 1967.