Tag 7–9: Fjord-Fieber und Jimny-Jubel
Lærdal nach Geiranger
Kilometer: 308,5km
Insgesamt: 2976,1km
Ok, so war das nicht geplant. Ich fühlte mich schon seit dem vorangegangenen Abend etwas schlapp, aber dann hat es mich doch richtig aus den Pantoffeln gehauen. Kein Fieber, aber der Körper sagte glasklar: „Heute ist Pause. Punkt.“ – und das auf einer Tonlage, bei der Widerspruch zwecklos ist. Wahrscheinlich irgendwas zwischen Männerschnupfen und Endstadium der Dramatik.
Und als ob der Tag noch einen draufsetzen wollte: Ausgerechnet heute, an dem ich zu nichts zu gebrauchen bin, klart der Himmel auf. Die Sonne bricht durch, tanzt golden über den Fjord und flüstert höhnisch: „Na? Willste nicht rauskommen?“ – absoluter Witz des Tages.
Ich rolle trotzdem zum nächstgelegenen Campingplatz direkt am Wasser. Schlafsack, Blick aufs silbrige Fjordwasser, sattgrüne Hänge, Nebel, der sich in Fetzen hebt – einer dieser Orte, an denen man nichts tun muss, um anzukommen. Das Wetter wechselt alle paar Minuten zwischen Sonne, Regen, Sturm und wieder Sonne. Passt zu meinem Kreislauf.
Zwischendrin habe ich Zeit zum Nachdenken – und merke: Dieses Jahr feiere ich Jubiläum. Seit dem 12.07.2015 schreibe ich nun über meine Reisen. Zehn Jahre. Von der ersten Deutschland-Radtour Salzburg–Sylt bis zu heute. Zehn Jahre Zelt statt Hotel, krummer Boden statt Kingsize-Bett, Abenteuer statt Wellness. Und verdammt viele gute Gespräche am Wegesrand. Was eine Zeit.
Zwei Tage später bin ich wieder halbwegs fit, und es geht weiter. Erste Station: Stabkirche in Kaupanger – nett, aber wenn man schon ein paar gesehen hat, nicht gerade ein Herzstillstand-Moment. Natürlich regnet es wieder, bei angenehmen 11 Grad.
Dann der Aufstieg nach Øvre Årdal – steil, schmal, mit engen Kurven. Der Tindevegen wartet. Oben angekommen: Mautautomat. Ja, in Norwegen sind schöne Straßen oft kostenpflichtig, und irgendwie hat man sich schon dran gewöhnt, ist ja wie bei uns daheim.
Bergab gibt es endlich Weitsicht: Die Straße schlängelt sich erst runter, um sich dann wieder an den nächsten Hang zu klammern. Kleine Autos kämpfen sich keuchend hoch – mein Jimny weiß, was jetzt kommt. Links unten die Fjorde, oben das Gefühl, komplett raus zu sein.
Dann das Sognefjell: fast 1.400 Meter hoch, Gletscher in Sichtweite, karge Weite, die sich wie eine andere Welt anfühlt. Irgendwo entdecke ich eine unbefestigte Abzweigung – logisch, dass ich da runter muss. Allrad rein, Untersetzung an, und langsam geht’s über Geröll, Wasserläufe und enge Kurven. Endlich kann der Jimny zeigen, dass er nicht nur lieb dreinschaut, sondern auch zupacken kann.
Nach einem Abstecher nach Lom (mit der berühmten Stabkirche) und einem Blick auf die imposante Säule in Elveseter (ein Monument für norwegische Kultur und Geschichte) geht’s weiter. Die Sonne ist zurück, türkisfarbene Flüsse stürzen nebenbei durch tiefe Schluchten, die Straße selbst wirkt wie ein Kanada-Postkartenmotiv.
Dann der Gamle Strynnefjellsvegen: ungeteert, löchrig, umgeben von Mondlandschaft, Seen und Schneefeldern. Zwei Jahre lang war sie immer gesperrt, wenn ich vorbeikam – heute endlich offen. Das war der einstige Weg in Richtung Geiranger von der anderen Seite. Hier ging der Verkehr durch, eigentlich unvorstellbar.
Kurz vor Geiranger steht noch der Dalsnibba auf der Liste. 5 km Straße mit einem spektakulären Ausblick auf den Fjord Geiranger, dieses Jahr 350 NOK (≈30 €) Eintritt und damit gefühlt deutlich teurer geworden. Nein danke, das ist Abzocke. Nicht geizig – aber für eine Straße, die ich schon kenne, einfach viel zu viel.
Also direkt runter nach Geiranger. Campingplatz direkt am Wasser, Blick auf eines der Kreuzfahrtriesen. Geiranger selbst? Ein Touristenmagnet, der mit dem Rest Norwegens wenig gemeinsam hat. Wer ihn kennt, fährt am besten einfach durch.
Was mir auffällt: Viele alte, wilde Nebenstraßen sind inzwischen gesperrt oder plattgemacht. Schade – gerade für Motorradfahrer und Abenteurer waren das kleine Schätze um das Zelt aufzustellen.
Spät abends legt das letzte Kreuzfahrtschiff langsam ab und verlässt den Fjord geräuschlos. Ruhe.