Tag 10 – Kreuzfahrtschiff-Alarm, Trollstufen & Oberlehrer im Hippieband

Geiranger-Ålesund

233,9km

Insgesamt: 3210km

Am nächsten Morgen: neues Kreuzfahrtschiff, gleiche Stelle. Geiranger ist offenbar die maritime Version eines Drive-in-Schalters für Touristen. Ungewöhnlich: kein Regen. Vermutlich hat Petrus heute Urlaub oder wurde vom Tourismusbüro bestochen.

Wir packen zusammen und fahren Richtung Osten – die berühmten Adlerschwingen hinauf. Eine Straße, die in schwindelerregenden Zickzackkurven den Berg erklimmt. Zwischen den Serpentinen kleben alte Bauernhöfe an den Hängen.

Oben am Aussichtspunkt: internationale Völkerverständigung in Dolby Surround. Tourbusse spucken ihre Ladung aus, Selfie-Sticks gehen in Stellung, und irgendwer ruft garantiert „Cheeeeese!“ in fünf Sprachen. Wir genießen kurz den Blick auf die „Sieben Schwestern“, eine der bekanntesten Wasserfallgruppen Norwegens – sieben parallel herabstürzende Kaskaden, um die sich natürlich auch eine Legende rankt. Angeblich waren es sieben Jungfrauen, die vom Heiratsantrag eines Freiers nicht begeistert waren und zu Wasserfällen wurden. (Er selbst fing dann zum trinken an und wurde übrigens seinerseits zum Wasserfall gegenüber, der aussieht wie eine Flasche) Früher haben hier Menschen unter abenteuerlichen Bedingungen gelebt: steile Wiesen, auf denen die Kühe fast Steigeisen brauchten, und ein Fußweg zum nächsten Nachbarn, der mehr Training als jede Bergwanderung war. Manche dieser Höfe wurden erst in den 1950ern und 60ern aufgegeben, als das Leben zu beschwerlich wurde – heute stehen sie wie eingefrorene Zeitkapseln am Fjord und werden im Sommer manchmal von den Nachfahren für ein paar Wochen wiederbelebt.

Nach diesem kitschigen Naturkino schnell weiter – zu viel Trubel.

Das nächste Tal begrüßt uns mit einer Eigenheit: wirklich jede potenzielle Stellfläche für Camper ist mit großen Felsbrocken blockiert. Willkommen im Zeitalter des Overtourism. Norwegen liebt sein „Jedermannsrecht“ – das Gesetz, das jedem erlaubt, in der Natur zu zelten. Aber: für Zelte, nicht für Vans etc. Viele Reisende sehen das anders, und so stapeln sich mittlerweile Beschwerden über Müll, Dauer-Camper und Wildtoiletten. Also greifen manche Regionen zu drastischen Mitteln – eben mit Findlingen statt Willkommensschild. Verständlich, wenn auch etwas traurig.

An der nächsten Fähre dann eine Überraschung: Eine Frau klopft ans Auto, strahlt und schickt uns mehrere Fotos aufs Handy – Bilder vom Jimny, aufgenommen während der Fahrt. Sie und ihre Familie aus den Niederlanden kennen uns schon vom Campingplatz ein paar Tage zuvor und wollten uns unbedingt ablichten. Wir tauschen: Sie kriegen ein Familienfoto aus meiner Kamera, ich ihre Schnappschüsse. Solche Begegnungen machen die Reise. Genau dieser Van war es übrigens, dem ich zuvor Platz gemacht habe, weil er mir zu sehr aufgefahren ist. Jetzt weiß ich auch warum - alles fürs Foto.

Dann: Gudbrandsjuvet – eine enge, dramatische Schlucht, in der der Fluss Valldøla tosend durch einen 5 Meter breiten Felsspalt schießt. Über eiserne Stege kann man nah ans Wasser, das hier seit der letzten Eiszeit an den Felsen nagt. Klimaerwärmung sei Dank können wir jetzt hier stehen und den Ausblick genießen. Auf dem Parkplatz erlebe ich allerdings einen pädagogischen Einschub: Ich rolle mit lässigen 20 km/h über den Busparkplatz, woraufhin eine grauhaarige Dame mit Hippie-Stirnband mir wild gestikulierend bedeutet, dass ich bitte den offiziellen Eingang nehmen und gefälligst langsamer fahren solle. Wahrscheinlich hätte sie mich auch gleich in ein Verkehrserziehungsseminar eingeladen, wenn sie die Zeit gehabt hätte. Dieses Oberlehrerhafte Verhalten erlebt man hier oben des Öfteren und zumeist sind es - Deutsche.

Endlich Trollstigen – die „Trollleiter“. Eine der berühmtesten Straßen Norwegens, 11 enge Haarnadelkurven, an deren Rand der Wasserfall Stigfossen 320 Meter in die Tiefe donnert. Die Straße war die letzten zwei Jahre wegen Steinschlag und Bauarbeiten gesperrt – jetzt tobt hier wieder der Verkehr. Ganz unten im Tal in der Ferne glitzert ein Kreuzfahrtschiff, und die Touristenmischung hier oben ist entsprechend bunt. Meine Höhenangst meldet sich kurz zum Dienst, bleibt aber brav im Hintergrund. Als Soundtrack donnert ein Lamborghini Revuelto vorbei – 12 Zylinder, jetzt mit Hybridtechnik. Klingt gut, aber sein Vorgänger brüllte irgendwie ehrlicher. Heutzutage müssen aber auch Sportwägen „grün“ sein. Schade eigentlich, ich bevorzuge Emotion.

Das Tagesziel: Ålesund. Die Jugendstil-Stadt, nach einem Brand 1904 fast komplett neu im damaligen Modestil aufgebaut, wirkt wie aus einem Architektur-Märchenbuch.  Kaiser Wilhelm II. soll den Wiederaufbau im Jugendstil sogar persönlich befürwortet und unterstützt haben.

Wir fahren bis ans Ende der Stadt, an die Küste, um die MKB 2/505 Aalesund zu sehen – eine alte Küstenbefestigung, deren Bunker heute leider alle zubetoniert sind. Dennoch stehen noch ein paar interessante Sachen rum. Das erste Bild gehört (vermutlich) zur ca 2km weiter südlich gelegenen HKB 33/976 Hessen und wurde vom Heer betrieben, im Gegensatz zur Alesund, die von der Marine befehligt wurde.

In einer Unterkunftsbaracke sieht man sowohl noch das alte Holz als auch den Versuch eine Tapete an die Wand aufzumalen.

Abends auf dem Campingplatz: eine Stimme aus der Berliner Schnauzen-Abteilung ruft: „Und du kommsd aus Reichenhall, wa?“ Natürlich kennt er das alte Kennzeichen und natürlich hat er „da mal janz kurz jeblebt“. Die Welt ist klein – und manchmal spricht sie mit Dialekt.

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Tag 11 – Von lüsternen Dorschblicken, Ottern und Sturmgeflüster

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Tag 7–9: Fjord-Fieber und Jimny-Jubel