Tag 6 – Gewaltige Wassermassen und Wolkenfluchten: Von Bergen nach Lærdal
Tagesetappe: 262,5 km
Gesamtstrecke: 2667,6km
Route: Bergen – Lærdal
Heute verlassen wir Bergen und machen uns wieder auf den Weg Richtung Osten – zurück in die Berge. Doch das Wetter schlägt sofort um: Es schüttet wie aus Eimern. Ein Tag voller Regen, Nebel, nasser Straßen – und spektakulärer Naturgewalten.
Bereits am Vormittag passieren wir einen alten Bekannten – den Tvindefossen, etwa 110 Meter hoch und einer der meistfotografierten Wasserfälle der Region nahe Voss. Heute ist er aber kaum wiederzuerkennen: Durch den ununterbrochenen Starkregen stürzen gewaltige Wassermassen den Fels hinab. Ich habe ihn schon öfter gesehen, aber so gewaltig und ungezähmt war er noch nie. Kein Wunder, dass sich um ihn einst sogar Legenden rankten – seinem Wasser wird nachgesagt, es habe verjüngende Wirkung.
Die Fahrt ist bei diesem Wetter kein Spaß. Mit den grobstolligen Geländereifen des Jimny komme ich auf dem nassen Asphalt schnell an die Grenzen der Traktion. In einigen Kurven rutsche ich regelrecht weg – die Reifen mögen Matsch lieber als nasse Straßen. Vorsicht ist heute das Gebot der Stunde.
Kurz darauf passieren wir Stalheim. Plötzlich stürzen hier dutzende große Wasserfälle in Kaskaden über hunderte Meter hohe Felswände ins Tal – ein dramatisches Naturschauspiel, das in Kombination mit dem Regen beinahe surreal wirkt.
Dann beginnt einer der landschaftlichen Höhepunkte der Reise: die Fahrt über die Aurlandsfjellet-Touristenstraße (Aurlandsfjellet nasjonale turistveg), auch bekannt als die „Schneestraße“. Diese 47 km lange Panoramastraße zählt zu den schönsten Norwegens und verbindet die Orte Aurland und Lærdal über ein Hochplateau. Normalerweise bietet sie atemberaubende Ausblicke über Fjorde, Gletscher und Hochebenen. Heute allerdings: nichts als Nebel.
Bereits nach wenigen hundert Metern ist erstmal Schluss. Auf der engen Bergstraße geht nichts mehr – ein Wohnmobil und ein Anhänger-Gespann haben sich festgefahren. Die Straße ist hier oben oft kaum breiter als ein Auto – eine echte Herausforderung für große Fahrzeuge. Eine gute halbe Stunde stehen wir – und warten. Ich denke mir: Vielleicht sollte man mit so einem Gespann einfach unten bleiben - selbst wenn man gut fahren kann, was sehr viele hier nicht können.
Als sich die Lage klärt, geht es weiter zur Stegastein-Aussichtsplattform – einer architektonischen Meisterleistung, die 650 Meter über dem Aurlandsfjord in den Hang ragt. Sie bietet eine spektakuläre Aussicht ins Tal. Aber: Menschenmassen drängen sich auf dem engen Holzplateau. Für uns heißt es: nichts wie weiter.
Weiter geht es bergauf – immer höher ins Fjell. Dort oben befindet sich ein Ort, an dem ich seit Jahren jedes Jahr ein Foto mache. Doch dieses Jahr: nur weißes Nichts. Wir sind mitten in den Wolken. Die Sicht: Null. Doch gerade das verleiht dem Ort eine seltsame, stille Magie.
Erst bei der Abfahrt reißt der Himmel ganz kurz auf. Ein kleines Wolkenfenster gibt den Blick frei, gerade lange genug für ein Foto vom Jimny, wie er sich den Berg hochquält. Wenigstens das.
Unten im Tal erreichen wir schließlich Lærdal – ein geschichtsträchtiger Ort mit gut erhaltenen Holzhäusern aus dem 18. Jahrhundert. Der Ort liegt malerisch am Lærdalselvi, einem Fluss, der für seine Lachse bekannt ist, und war über Jahrhunderte ein wichtiger Handels- und Verbindungspunkt zwischen West- und Ostnorwegen. Heute steht hier für mich vor allem eines auf dem Plan: Ruhe. Ich fühle mich nicht besonders fit, daher kommen wir etwas früher als geplant auf dem Campingplatz an. Eine Pause ist heute wohl das Beste, was ich tun kann.