Tag 5 – Von Fjorden, Festungen und Früchtediebstahl
Hardanger-Bergen
180,9 km
Gesamt: 2405,1 km
Die ganze Nacht über hat es beinahe ununterbrochen geregnet. In einer kurzen Regenpause versuche ich, das Zelt mit meinem Handtuch so gut wie möglich vom Wasser zu befreien – mehr Schieben als Trocknen – und klappe es blitzschnell zusammen. Man nimmt, was man kriegen kann.
Die Weiterfahrt führt über winzige, verwinkelte Sträßchen. Die Westseite des Hardangerfjords ist definitiv die schönere – zumindest, wenn man auf Ruhe, Gelassenheit und gelegentliches Zurücksetzen beim Gegenverkehr steht. Die Straße schlängelt sich noch in ihrer alten, ursprünglichen Form durch die Landschaft. Keine Spuren von Eile.
Die Wolkendecke hebt sich langsam, und so blitzen hin und wieder spektakuläre Blicke auf den Fjord durch. Am Straßenrand dann eine Szene wie aus einer anderen Zeit: Ein kleiner Kühlschrank mit gekühlten Energydrinks und frischen Kirschen – alles auf Vertrauensbasis. Einfach Geld rein, Ware raus. Eine echte Vertrauenskultur hier oben. Wie lange das wohl noch so bleibt?
Weniger vertrauensvoll: Die Wände rund um Rastpunkte oder Lost Places sind oft reich verziert mit Graffiti und Stickern – fast alle eindeutig aus Deutschland. Unsere Landsleute verspüren offenbar den unstillbaren Drang, an jedem Ort der Welt ihre Meinung über Fußballvereine oder politische Parteien zu hinterlassen. Und ja, man wird regelmäßig gefragt, ob man schon mal in Baden-Württemberg war.
Neben der Straße war dann etwas unterhalb auch diese sehr alte Felsritzung von einem Huftier zu sehen.
Auch diverse berühmte Wasserfälle wie hier der Steindalsfossen und andere begleiten uns.
Bergen, die zweitgrößte Stadt Norwegens, lockt zu einem Kurzbesuch. Viel mehr als ein einstündiger Spaziergang wird es jedoch nicht – zu viele Touristen, zu viele Kreuzfahrtschiffe, zu wenig Raum zum Atmen. Noch ein bisschen im Secondhand-Laden gestöbert, dann zieht es uns schnell wieder raus.
Dennoch kann ich noch schnell ein paar historische Bilder aus den 1940ern zur Hand nehmen und ihr gegenwärtiges Vergleichsbild schießen.
Bergen ist bekannt für seine regenreiche Wetterlage, das historische Hanseviertel Bryggen (UNESCO-Welterbe) mit seinen bunten Holzhäusern und die berühmte Standseilbahn Fløibanen, die einen atemberaubenden Blick auf die Stadt ermöglicht. Kultur, Geschichte und Fischmärkte – alles da, wenn man Geduld und Regencape mitbringt. Die Kehrseite: ein tristes Stadtbild geprägt von Massen an Tagestouristen und vielen südosteuropäischen Bettlern, wie man es leider aus Deutschen Städten kennt.
Weg vom Trubel – ab zurück in die Küste. Mein Nachtlager schlage ich diesmal auf Sotra auf, einer idyllischen Insel westlich von Bergen. Hier ist eine große vierspurige Straße im Bau, mit Brücken und allem was dazugehört. Das Stauproblem wird endlich angegangen.
Der kleine, familiengeführte Campingplatz liegt direkt bei einer echten geschichtlichen Wucht: der Fjell Festung, einer der größten Festungsanlagen aus dem Zweiten Weltkrieg in Norwegen.
Die Fjell Festung wurde während der deutschen Besatzung Norwegens errichtet. Im Zentrum der Anlage steht ein gigantischer 38-cm-Marineturm der deutschen Kriegsmarine – ursprünglich für ein Schlachtschiff vorgesehen, dann aber hier zur Küstenverteidigung eingebaut. Tunnel, Bunker, Kommandoräume – ein riesiges unterirdisches Netzwerk zieht sich durch den Felsen. Heute kann man Teile der Anlage besichtigen, inklusive Führungen durch das Labyrinth aus Beton und Geschichte. Ich kenne die Anlage aber bereits recht gut und spare mir den Besuch bei diesem Regen.