Tag 30/31 – Der lange Weg zurück

Oslo – Rødbyhavn – Salzburg
774,3 km + 1083 km
Gesamt: 10.882,1 km

Der Tag des Abschieds ist gekommen. Mit schwerem Herzen lasse ich Oslo hinter mir, werfe noch einen letzten Blick auf die Holmenkollen-Skisprungschanze und steuere zum Deutschen Soldatenfriedhof in Alfaset. Rund 100 Gefallene des Ersten und mehr als 3000 des Zweiten Weltkriegs liegen hier begraben. Doch die Atmosphäre ist alles andere als feierlich – Industrieanlagen am Horizont, Straßenlärm im Rücken. Das Namensbuch fehlt, und den Soldaten, den ich eigentlich suchte, finde ich nicht. Der Weg zu einer Antwort wird wohl nur über offizielle Stellen führen.

Auf dem Weg hinaus aus der Stadt halte ich noch kurz an einer Tankstelle – und traue meinen Augen kaum: Ein alter Mercedes SL, glänzend, stilvoll, und das Kennzeichen? Salzburg-Land. Ich muss einfach anhalten. Der “Besitzer” ist vermutlich ein Norweger, freundlich, mit einem Lächeln im Gesicht. Das Auto gehört offenbar seinem Großvater, erzählt er mir, und er pflegt es gerade liebevoll. Ein kurzer Plausch, ein Stück Heimat mitten in Oslo – und ein Moment, der mich irgendwie begleitet, als ich weiterfahre.

Dann die Brücke, kurz vor der Grenze. Ein letzter Gruß an Norwegen – dieses atemberaubende Land. In Schweden ist der Sprit wieder günstiger, doch das Glück währt nur kurz: Regen prasselt so heftig auf die Straße, dass ich mit 60 km/h durch tiefe Spurrillen schaukle. Und genauso schnell wie er kam, verzieht er sich wieder. Rechts begleitet mich die Ostsee, bis irgendwann die mächtige Öresundbrücke auftaucht. Erst Brücke, dann Tunnel – und am Horizont ragen Windparks aus dem Meer. Im Dunst des Morgens erscheint Kopenhagen, linker Hand der Flughafen, und ich fahre weiter in die Nacht hinein.

Nach fast 800 Kilometern erreiche ich gegen neun Uhr abends einen Campingplatz. Doch die Schranke ist von 22 bis 7 Uhr geschlossen – und ich muss um sechs schon wieder los. Die Rezeption: verwaist. Stattdessen ein Computer für den Self-Check-in. Zähneknirschend buche ich nur ein Zelt, damit ich das Auto außerhalb des Platzes parken kann, baue im Dunkeln mein kleines Bodenzelt auf und ärgere mich, als ich später sehe: Auf der Quittung stand der Code für die Schranke. Zu spät. Um mich herum summen Mücken in Schwärmen, bis ich erschöpft in den Schlaf falle.

Der Wecker klingelt gnadenlos um 5:30 Uhr. Duschen? Fehlanzeige – dafür hätte ich eine Karte gebraucht, die ich beim Self-Check-in natürlich nicht bekommen habe. Aber das Auto stinkt mittlerweile eh schon und ich kann niemanden belästigen. Wenigstens erkennt die Fähre später mein Kennzeichen automatisch. Beim Einfahren geht die Sonne über den Hafenanlagen auf, während das Schiff ablegt. Auf Wiedersehen Dänemark, Servus Skandinavien – es war ein Traum.

An Deck schweift mein Blick übers Meer, bis er wieder an einem dieser gelben Aufkleber hängenbleibt: „Nett hier, aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?“ Ach, halt doch den Mund…

Um 7:51 Uhr legt die Fähre auf Fehmarn an. Schleswig-Holstein. Vor mir liegt der längste Abschnitt dieser Reise: 1083 km Asphalt bis Salzburg. Die Ostsee verschwindet im Rückspiegel, und ein Hauch von Wehmut bleibt zurück. Doch gleich wird die Fahrt von einer traurigen Nachricht überschattet: Nördlich von Trondheim ist die E6 – Norwegens Lebensader – nach einem Erdrutsch komplett kollabiert. Ein Arbeiter gilt als vermisst, eine Person überlebte knapp. Die Folgen sind gewaltig: Der wichtigste Nord-Süd-Verkehrsweg ist unterbrochen, ebenso die Bahnstrecke. Lange Umwege, volle Fähren und verstopfte Landstraßen – ein dramatisches Beispiel dafür, wie fragil selbst scheinbar stabiles Land in Norwegen sein kann.

Die Kilometer ziehen sich. Energy Drink Nummer vier steht neben mir, die Autobahnen sind voller Baustellen, aber sonntags arbeitet hier niemand. Dafür blitzen sie umso mehr. Sechs Staus später rolle ich um 21:35 Uhr endlich in Salzburg ein.

1083 km an einem Stück – was für ein Ritt.
Eine Reise geht zu Ende, eine, die mich mal wieder verändert hat. Danke an meine Freundin Lotti, meine Reisebegleiter Dominic und Yannick, meine Gastgeber Antonia, Stephan, Wilma und Viktoria, meinen Chef Volker, meine Eltern – und all die Unbekannten unterwegs, die diese Fahrt zu etwas Besonderem gemacht haben.

Und natürlich Danke an meinen treuen Begleiter, den alten Jimny, der die lange Reise ohne Murren lässig hinter sich gebracht hat. Für mich ein automobiler Traum, ein ganz Großer.

Zuletzt geht mein Dank an Dich raus, der Du einer von knapp 400 Lesern meiner Berichte im letzten Monat warst. Ich hoffe, ich konnte Dich zum Lachen, Nachdenken oder einfach nur Träumen bringen und freue mich, Dich auch auf einer meiner kommenden Reisen wieder an Bord haben zu dürfen.

Bis dahin: Ha det bra!

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