Tag 29 – Zu Gast bei Freunden

Oslo. Nach alter Tradition besuche ich alte Freunde aus Österreich und darf auch bei ihnen nächtigen - danke Antonia & Stephan.

Zu gewissen Zeiten versinkt die Stadt komplett im Stau, als hätte man vergessen, dass Straßen eigentlich zum Fahren da sind. Es staut sich an den Einfallstraßen, auf den Brücken, mitten in den Wohnvierteln. Wer hier Auto fährt, braucht Geduld und gute Nerven. Zum Glück bin ich zu Fuß unterwegs – mein Tempo bestimmt nicht der Verkehr, sondern meine Schritte.

Die Stadt selbst wirkt wie ein großes Schaufenster für das gute Gewissen. Egal ob Ukraine, Palästina, Regenbogenfahne oder Klimaparolen – überall hängen Banner, Aufkleber, riesige Stoffbahnen. Man hat das Gefühl, Oslo wolle der Welt mitteilen: „Seht her, wir stehen auf der richtigen Seite.“ Es ist diese typische Mischung aus politischem Statement und Selbstdarstellung, die man aus vielen westlichen Großstädten kennt. Und tatsächlich: Oslo fühlt sich sofort großstädtisch an. Menschenmassen, Baustellen, Stimmengewirr. Zivilisation pur. Mit ihr kommen auch die üblichen Begleiter: Dreck am Straßenrand, Graffiti, Sticker, kleine Protest-Botschaften an jeder freien Oberfläche. In manchen Vierteln mehr als in anderen. Und trotzdem – im Vergleich zu daheim – wirkt es alles noch ein wenig geordneter.

Mein Weg führt mich zunächst mit Blick auf die legendäre Skisprungschanze Holmenkollen hinunter Richtung Zentrum. Von dort oben zieht sich die Stadt bis zum Fjord – ein Panorama, das zwischen Natur und Urbanität schwebt.

Leichter Regen setzt ein, erst ein Nieseln, dann ein feiner Schleier, der die Stadt in eine düstere Stimmung taucht. Oslo im Regen hat etwas Ernstes. Keine bunte, laute Metropole, sondern eine, die ihre Melancholie nicht versteckt.

Durch den Vigelandspark geht es weiter. Ein Ort, der wie immer begeistert: Über 200 Skulpturen aus Stein, Bronze und Eisen, geschaffen von Gustav Vigeland, liegen in dieser riesigen Anlage. Menschen in allen Lebensphasen, nackt, ausdrucksstark, mal monumental, mal ganz verletzlich dargestellt. Manche Figuren wirken verspielt, andere tief verzweifelt. Der Park ist keine bloße Grünfläche, sondern fast eine Lebensphilosophie aus Stein gegossen.

Weiter geht es durch das Villen- und Botschaftsviertel, Oslos 1. Bezirk. Überall Kunst, teure Möbel, Statussymbole. Hochpreisige Autos. Hier gilt das Motto „Savoir-vivre“.

Von dort zieht es mich weiter ins Hafenviertel, vorbei am roten Backsteinrathaus, in dem jedes Jahr der Friedensnobelpreis verliehen wird. Der Bau selbst ist mächtig, klotzig, fast abweisend, aber zugleich ein Symbol für die Bedeutung, die Oslo international beansprucht.

Am Wasser entlang erreiche ich die alte Festung Akershus. Seit dem Mittelalter wacht sie hier über den Fjord, hat Belagerungen überstanden, war königliche Residenz, Gefängnis und ist heute noch eine militärische Anlage. Beim Durchqueren der alten Mauern spürt man die Geschichte, die hier dichter ist als anderswo in der Stadt.

Mein Ziel ist die Oper – ein modernes Wahrzeichen aus Glas und weißem Marmor, das wie ein Eisberg aus dem Fjord aufsteigt.

Vor wenigen Jahren war das ganze Viertel dahinter eine riesige Baustelle. Heute stehen dort kühne Hochhäuser, jedes versucht das andere zu übertrumpfen: verdreht, zerklüftet, gläsern, spektakulär. Es wirkt wie ein architektonischer Wettbewerb, in dem es keine Regeln gibt. Ein bisschen zu viel vielleicht – aber gleichzeitig faszinierend. Dazwischen überall Kunst und Kultur.

Oslo zeigt sich als Stadt der Kontraste: zwischen Tradition und Zukunft, zwischen Pose und echter Lebendigkeit. Eine Stadt, die laut und bunt sein will, aber im Regen auch ihre stille, nachdenkliche Seite zeigt. Irgendwann geht es dann auch wieder zurück in Richtung Schloss und etwas später erneut am Vigelandspark vorbei.

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Tag 28 – Abschied vom Fjordland