Tag 28 – Abschied vom Fjordland
Lærdal-Oslo
350,9km
Insgesamt: 9024,8km
Obwohl ich schon oft hier war, fahre ich zum ersten Mal durch die kleine Altstadt von Lærdal. Weiße Holzhäuser mit blauen Schieferschindeln reihen sich eng aneinander, ein stilles, nordisches Idyll, das im Morgenlicht beinahe märchenhaft wirkt. Gestern jedoch wurde diese Ruhe von einer Gruppe Motorradfahrer durchbrochen – ihr Motorenlärm hallte durch das Tal und ließ die Idylle für einen Moment verblassen. Ich liebe ja laute Motoren - aber muss es unbedingt um 23 Uhr Vollgas neben einem Campingplatz/Dorf sein? Naja. Heute aber ist alles still, und ich setze meine Fahrt Richtung Auerland fort.
Um dort hinzukommen, geht es wieder bergauf ins Fjell. An einer vertrauten Stelle halte ich kurz, mache wie immer mein übliches Foto – ein kleines Ritual, das mich durch die Reise begleitet. Im Gegensatz zu vor zwei Wochen sieht man heute auch was. Der Verkehr ist schwach, fast wirkt die Straße wie verlassen, bis ich schließlich die Aussichtsplattform Stegastein erreiche. Die Parkplätze sind überfüllt, wie so oft, doch auf der Plattform selbst stehen nur wenige Menschen. Direkt daneben wird bereits ein neuer Parkplatz gebaut. Mit meinem kleinen Jimny finde ich trotzdem noch einen Platz – ein wenig abseits, Offroad – und gönne mir den kurzen Gang zum Aussichtspunkt.
Die Abfahrt gestaltet sich anspruchsvoll. Die schmale Straße, oft kaum breit genug für ein Auto, bringt viele Fahrer an ihre Grenzen. Kastenwägen verkeilen sich fast, und man fragt sich, weshalb manche überhaupt den Mut finden, diese Strecke hinaufzufahren.
In der Ferne liegt Flam, und wie so oft thront dort ein Kreuzfahrtschiff im Hafen. Der Anblick erklärt den unaufhörlichen Reisebusverkehr, der die schmale Bergstraße emporstürmt.
Unten angekommen wähle ich nicht den 25 Kilometer langen Tunnel unter dem Aurland, auch nicht die direkte Strecke zurück nach Flam, sondern die dritte Möglichkeit: die alte Fylkesvei 50 in Richtung Hol. Ruhiger, einsamer, ursprünglicher.
Am Aurlandsfjord heißt es Abschied nehmen – Fjordnorwegen liegt nun endgültig hinter mir. Die Straße windet sich in engen Serpentinen bergauf, das Tempo sinkt auf gemütliche dreißig Kilometer pro Stunde. Gott sei Dank ist nur wenig Verkehr. Immer wieder verschwinde ich in Tunneln, nur um dann wieder an stark abfallenden Stücken vorbeizufahren. Oben, wo die Landschaft karg wird, wird Strom gewonnen; Wasser arbeitet unaufhörlich an den zahlreichen Stauseen - Stromleitungen sind ein ständiger Begleiter. Schafe kratzen sich an den Leitplanken.
Etwas später: Die alte Kirche von Hol steht einsam am Weg, wie ein Wächter über das Tal.
Je näher ich Oslo komme, desto deutlicher zeigt sich der Herbst. 140 Kilometer vor der Stadt leuchten die ersten gelben Blätter zwischen den dunklen Fichten. Ein stilles, wehmütiges Zeichen des nahenden Endes dieser Reise. In Oslo selbst stehe ich lange im Stau, gefangen an einer Baustelle. Der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe und verdampft auf der Motorhaube – wie so oft in den letzten Wochen. Bin ich froh um den gestrigen schönen Tag…