Tag 27 – Planänderung: Wie soll man das nur beschreiben?

Bud-Lærdal

431,5km

Insgesamt: 8673,9km

Die Nacht verabschiedete sich mit einem Himmel voller Sterne – so klar, dass ich noch lange wach blieb, als wollte ich keinen einzigen Augenblick davon verpassen. Sterne habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Man merkt, es wird wieder dunkler. Mehrere Sternschnuppen ziehen am Himmel vorbei. Und dann der Morgen: ein Wetter, wie ich es seit Wochen nicht mehr erlebt habe. Die See liegt still vor mir, friedlich eingerahmt von Bergen. Genau dorthin zieht es mich nun, nach Südosten – zurück in die Berge. Nach Oslo.

Norwegen hat seine Eigenheiten, die man unterwegs überall entdeckt: alte Traktoren, liebevoll in Vorgärten platziert, oder die stolzen Scania-LKWs, die wie kleine Denkmäler der Arbeit wirken und zumeist tolle beleuchtet einem tosend entgegenkommen - hier ist man noch stolz auf sein Arbeitsgerät.

Die letzte Fähre der Reise bringt mich von Molde nach Herjestranda. Ein stiller Moment. Ich verlasse den Atlantik – und weiß, wie sehr ich das Fahren über die Fjorde vermissen werde, auch wenn man schon etwas gesättigt ist.

Doch bald taucht am Horizont ein alter Bekannter auf: die Trollstigen. Ein kleiner Umweg kann nicht schaden denke ich mir… Diesmal fahre ich sie von unten nach oben. 10 % Steigung, die ersten Serpentinen, das Tal noch im Schatten, während die Gipfel schon von der Sonne berührt sind – ein magischer Kontrast. Der Wasserfall tost neben mir, und ich bin fast allein auf der Straße. Kein Stau, kein Gedränge wie vor zwei Wochen – nur ich, Kurve um Kurve, bergauf in diese stille Schönheit hinein.

Und dann denke ich: Bei diesem Wetter darf ich nicht einfach weiterziehen. Also Planänderung – noch mehr Hotspots, noch mehr Norwegen pur. Apfelbäume mit glutroten Früchten säumen den Weg, bevor ich den Geiranger erreiche. Unten im Fjord liegt ein Kreuzfahrtschiff, und mit ihm Menschenmassen. Busse, Stau, Stimmengewirr – ich flüchte schnell wieder hinaus, zurück in die Berge. Frei atmen. Das Disneyland Geiranger gibt es offenbar nur mit Chaos.

Oben auf dem Berg hinter dem Dalsnibba beruhigt sich aber alles schlagartig. Plötzlich bin ich wieder allein – nur ich und die Straße. Der Gamle Strynefjellsvegen liegt vor mir, den nehme ich auch noch schnell mit, die Seen dort spiegeln die schneebedeckten Berge. Atemberaubend.

Weiter nach Lom, an der Stabkirche nur kurz vorbei, hinein nach Jotunheimen, über das Sognefjell – diesmal alles im strahlenden Licht. Vor zwei Wochen war hier nichts als Grau und Regen, heute leuchtet die Landschaft in warmen Farben. Ich sauge alles auf, als wollte ich keinen Tropfen davon verlieren.

Es ist das erste Mal, dass ich diese Strecken in umgekehrter Richtung fahre. Früher hätte ich es nie gewagt – das Nordkapp war immer das Ziel, die Reihenfolge festgelegt. Doch heute merke ich: von dieser Seite sieht alles neu aus, voller unbekannter Facetten. Schafe liegen träge auf der Straße, Schlittenhunde ziehen ein Quad bergauf, und mein kleiner Jimny kämpft sich tapfer durch die Serpentinen. Die Fenster sind offen, der Fahrtwind bringt den Duft von frisch geschnittenem Gras, von Salz und Algen. Ich atme tief ein – so dankbar, das erleben zu dürfen. Außerdem ist es schön, wenn all die Erinnerungen der vergangenen Tage noch einmal hochkommen.

Irgendwann geht es dann auch aus dem Tindevegen wieder runter ins Tal nach Øvre Årdal. Aber auch diese Abfahrt hat es in sich und die Sicht auf den in der Abendsonne liegenden Fjord ist magisch.

Dieser Tag ist einer der ganz großen. So emotional wie sonst nur die Ankunft am Nordkapp. All die Pässe, das Glück des Alleinseins auf der Straße, das strahlende Wetter – es fühlt sich an wie die Belohnung für die vielen verregneten Tage zuvor.

Am Abend stehe ich wieder am Wasser, von dem ich mich eigentlich schon verabschiedet hatte. Und doch fühlt es sich richtig an, die Planänderung war sinnvoll. Fast 400km Traumstraßen am Stück. Und morgen wartet eine weitere Traumstrecke – und ich kann kaum erwarten, dass es weitergeht.

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