Tag 23 – Zwischen Abisko und Narvik: Auf den Spuren der Geschichte

Abisko – Narvik

166,2 km

Insgesamt: 7040,1 km

Es wird Winter. 3°. Nichts, was mich aus der Ruhe bringen würde – in den Bergen passt das schon. Apropos Berge: ihre Kämme sind leicht angezuckert mit Neuschnee, ein leiser Vorbote der langen, dunklen Jahreszeit im Norden. Der Weg führt mich am Abisko Nationalpark vorbei. Hier beginnt das berühmte Fjäll – rau, weit und still. Im gleichnamigen Dorf steht das Monument für den Beginn (oder das Ende) des Kungsleden, des „Königsweges“. Dieser rund 440 km lange Weitwanderweg führt von Abisko bis nach Hemavan im Süden, quer durch die schwedische Bergwelt. Er wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Schwedischen Touristenvereinigung angelegt, um die Schönheit Lapplands für Wanderer zugänglich zu machen. Heute gilt er als einer der schönsten Fernwanderwege der Welt – durch Hochfjäll, Birkenwälder und über weite Moore.

Ich folge der Straße weiter ins Fjell, über die Reichsgrenze. Zurück nach Norwegen. Hier oben, bei Bjørnfjell, spürt man die Härte des Landes. Karg, windzerfressen, mit endlosen Flächen aus Moos und Gestein. Während des Zweiten Weltkriegs war dies ein Brennpunkt: Im April 1940 tobten um Narvik schwere Kämpfe. General Eduard Dietl flüchtete mit der 3. Gebirgsdivision, die vor allem aus österreichischen Gebirgsjägern bestand, aus Narvik hierher und richtete sich mit seinen Truppen in der unwirtlichen Hochebene ein. Das Kräfteverhältnis war dabei eindeutig gegen ihn: die Alliierten – Norweger, Briten, Franzosen und polnische Einheiten – standen den Deutschen rund um Narvik in weit größerer Zahl gegenüber und verfügten über überlegene Ausrüstung. Dietl hatte anfangs kaum 2.000 Mann zur Verfügung, die Alliierten waren zeitweise mehr als 20.000 stark.

Die Soldaten hausten in behelfsmäßigen Stellungen, gegraben in Fels und Erde, notdürftig geschützt durch Holz und Steine. Viele Posten bestehen heute noch – Reste von Bunkern, Gräben, und sogar Tobruks (Betonierte Maschinengewehrstellungen) mit runden Eingangstoren, die teils noch sichtbar sind. Die Tore sehen sehr nach Schiff aus, vermutlich aus einem der zerstörten Schiffe nach hier oben geholt. Der Winter 1940/41 muss erbarmungslos gewesen sein: Temperaturen von –10 bis –20 °C sind hier keine Seltenheit. Erinnert mich an das Hardangervidda-Plateau – nur dass die Soldaten damals weder moderne Ausrüstung noch funktionale Winterkleidung hatten. Dass sie hier durchhielten, war eine fast übermenschliche Leistung.

Ich sehe die Hütte „Solheimsbrakka“, Dietls temporäres Hauptquartier. Direkt dahinter tritt die Erzbahn aus einem Tunnel. Um diese Bahn ging es: Sie transportierte das strategisch wichtige Eisenerz aus Kiruna nach Narvik, wo es eisfrei verschifft werden konnte. Wer die Bahn kontrollierte, kontrollierte Nachschub und Kriegsmaterial.

Die Straße windet sich schließlich hinunter, zurück zur E6. Am Rombaksfjord liegt der deutsche Zerstörer „Georg Thiele“, der 1940 nach einem Gefecht und Verschießens der letzten Granate absichtlich an Land gesetzt und versenkt wurde und heute noch schief am Ufer liegt. Neben ihm ruhen weitere Wracks deutscher Schiffe in der Tiefe – stille Zeugen der erbitterten Seeschlacht um Narvik, die als eine der härtesten Gefechte im Nordatlantik gilt.

Unweit davon der deutsche Soldatenfriedhof in Narvik.

Narvik wirkt heute kühl und funktional, und das hat seinen Grund. Im Frühjahr 1940 wurde die Stadt im Zuge der Kämpfe nahezu dem Erdboden gleichgemacht. Vor allem die Alliierten beschossen Narvik mit Artillerie und von See aus, um die deutschen Stellungen in den Bergen rund um Narvik und die wichtige Erzbahn zu treffen. Ganze Straßenzüge gingen in Flammen auf, und nach den Gefechten blieb kaum mehr als ein Trümmerfeld übrig. Was man heute sieht, ist der nüchterne Wiederaufbau der Nachkriegszeit – eine Stadt, die aus der Asche geboren wurde und deren Wunden immer noch sichtbar sind.

Zurück
Zurück

Tag 24 - Polarkreis

Weiter
Weiter

Tag 22 – Vom Niemandsland zur Erzstadt