Tag 24 - Polarkreis
Narvik – Polarkreis
330,7 km
Insgesamt: 7.370,8 km
Vorbei geht es am Nationalberg Norwegens, dem Stetind, nach dem auch die Fähre zwischen den Vesterålen und Senja benannt ist. Eigentlich wollte ich ihn fotografieren, aber das Wetter macht mir einen Strich durch die Rechnung – also fahre ich weiter. Immerhin ist er auf eine Hauswand gemalt - das muss reichen. Zum ersten Mal habe ich über längere Strecken kaum Handyempfang.
Als ich zur Fähre komme, merke ich, dass sie erst in knapp zwei Stunden fährt. Also entscheide ich mich spontan, um die Bucht herumzufahren und eine andere Fähre zu nehmen – Zeit habe ich ja genug. Der Umweg führt mich wieder am Stetind vorbei. Diesmal halte ich an. Irgendwann muss sich der markante Gipfel doch zeigen, denke ich mir. Schuhe an, und los geht’s: knietief stapfe ich durch Moor, Moos und kleine Bäche, um einen besseren Blick zu erhaschen. Am Ende bekomme ich mein Zielfoto aber nicht auf dem Hügel, sondern direkt unten, gleich hinter dem Parkplatz. Die Illusion zählt – dass dort Toiletten und ein großer Parkplatz stehen, sieht man auf dem Bild schließlich nicht.
Ein Blick auf die Uhr zeigt: Die ursprüngliche Fähre könnte ich doch noch schaffen. Also gebe ich Gas – und komme tatsächlich in letzter Minute an Bord. Kaum legt das Schiff ab, bricht ein Regenschauer los, der zusammen mit dem Wind frontal durch die Röhre peitscht.
Wieder an Land erinnern mich die Landschaften an Nordamerika: endlose Wälder, geschwungene Berge, Wasserfälle entlang der Straße, zwischendrin alte Sägewerke. Ich muss feststellen: Diese Strecke hier ist abwechslungsreicher als die in Schweden – rauf und runter, viel spannender.
Am Weg liegt die Polarbanen, mit einem angefangenen Tunnel – ein Stück Geschichte, das neugierig macht. Die Polarbanen ist eine Eisenbahnstrecke, die während des Zweiten Weltkriegs von der Wehrmacht geplant und teilweise gebaut wurde. Sie hatte große strategische Bedeutung, um Truppen- und Nachschubtransporte zu sichern. Von den drei Abschnitten befindet sich nur der südliche Teil in Benutzung, die beiden anderen Fauske bis Narvik und von dort aus weiter bis an die Barentssee wurde nach dem Krieg verworfen. Durch einen etwas verfallenen und zugewachsenen Weg wird man zu einem Wasserfall unterhalb der Straße und direkt neben dem begonnenen Polarbanentunnel geführt, wo die Deutschen auch ein Wasserkraftwerk gebaut haben.
Zwischendurch gönne ich mir eine Pause am Straßenrand. Luxus pur: aus der Stahlpfanne, Blick auf Berge und Fjord, dazu Faschiertes – einfach genial.
Dann der Besuch am Soldatenfriedhof Botn–Rognan, einer von nur fünf in Norwegen. Idyllisch im Wald gelegen, ein stiller, bewegender Ort. Beim Eingang liegen zwei Bücher mit Namenslisten auf. Ein Foto eines hier begrabenen Soldaten steht auf dem Tisch. Auf manchen Gräbern stehen Blumen.
Über das Saltfjell geht es weiter. Schnee, lange Strecken mit vielen Parkplätzen links und rechts. Irgendwann dann die magische Linie des Polarkreises. Ich bin wieder südwärts. Am Abend halte ich an einem dieser Plätze und treffe eine supernette Familie aus Spittal – sie versorgen mich gleich mit einem weißen Spritzer. Kurz darauf gesellt sich noch ein Pole dazu, bringt ebenfalls weißen Spritzer mit. Ein herrlicher Zufall und ein perfekter Ausklang des Tages.