Tag 22 – Vom Niemandsland zur Erzstadt

Olderfjord – Abisko

633,7km

Insgesamt: 6873,9km

Zurück nach Alta. An der Tankstelle wird der Jimny wieder einmal gelobt: „Sehr schönes Auto!“ – mit keinem anderen Wagen bin ich jemals so oft angesprochen worden.

Ich möchte noch eine besondere Strecke fahren, auf die ich durch den Trans Euro Trail aufmerksam geworden bin: die legendäre Arctic Post Road, ein alter Verbindungsweg von Alta nach Kautokeino. Ursprünglich für Postkutschen und später für Motorfahrzeuge gedacht, wird sie heute vor allem von Abenteurern mit Motorrädern und Geländewagen genutzt.

Der Anfang ist noch unspektakulär: rumpelig, holprig, durch offene Fjell-Landschaft mit weiter Sicht. Immer wieder platscht der Auspuff zischend ins Wasser, wenn ich durch tiefe Pfützen fahre. Es dampft. Doch je weiter ich mich vorwage, desto wilder wird es.

Es geht vorbei an Rentiersammelstellen der Sami.

Schneemarkierungen begleiten die Straße.

Die Route verwandelt sich in eine echte Prüfung: Flussdurchfahrten, morsche Holzbrücken, knietiefe Wasserlöcher, Schlamm, enge Gassen, steile Anstiege und Abfahrten. Manchmal balanciert der Jimny auf drei Rädern – Allrad und Untersetzung sind hier keine Option, sondern Lebensversicherung. Höchstgeschwindigkeit? Theoretisch 30 km/h, praktisch meist zwischen Schrittgeschwindigkeit und knapp 20. Äste kratzen am Auto entlang. Die ersten Wasserdurchfahrten gehe ich noch ab und schaue, wie tief es ist. Irgendwann lasse ich das - es kommen hunderte.

Das Niemandsland ringsum ist grenzenlos still, nur das Rauschen des Wassers begleitet mich – manchmal auch unter mir, denn die „Straße“ verwandelt sich stellenweise in einen Bach. Drei Motorradfahrer kommen mir entgegen, schauen verdutzt auf meinen kleinen Suzuki – sie wissen, was für ein Ritt das hier ist.

Die 130 Kilometer ziehen sich endlos. Ein technischer Defekt an dieser Stelle? Besser nicht daran denken. Umso erleichterter bin ich, als irgendwann wieder Asphalt unter den Rädern auftaucht und die Zivilisation langsam zurückkehrt.

Kautokeino. Die größte samische Gemeinde Norwegens, Zentrum der Rentierzucht, wirkt manchmal erstaunlich unordentlich – fast wie eine nordische Version von Redneck-Town.

Dann die Grenze zu Finnland: endlich wieder Suomi, das Land der Milliarden Mücken, Wälder und ungezählten Seen. Doch hier oben im Norden ist es eher Fjell und Tundra. Lange, monotone Straßen, kaum Rastplätze, kaum Dörfer. Man darf offiziell 100 km/h fahren – was ich lieber nicht tue, denn bei Tempo über 95 vibriert das Dach hörbar.

Ein Fluss bildet die Grenze zu Schweden – und plötzlich: alles wirkt gepflegter, ordentlicher. Kaum Verkehr, menschenleere Straßen. Ein einziges Auto kommt mir entgegen – und prompt springt ein Stein in die Scheibe. Steinschlag. Na toll. Wenigstens ist der Sprit hier günstiger: 1,43 € pro Liter, billiger als in Österreich, und endlich wieder mit funktionierenden Zapfpistolen, im Gegensatz zu Norwegen. Aber hey, natürlich retten wir gerne die Welt mit unserer CO2 Abgabe.

So wird hier übrigens das Bankett mit einem großen Rasenmäher gepflegt.

Je weiter ich fahre, desto mehr verändert sich die Atmosphäre.

Kiruna. Die nördlichste Stadt Schwedens ist weltberühmt durch ihren gigantischen Eisenerz-Bergbau. Hier liegt eine der größten zusammenhängenden Erzadern der Welt, die bis zu 2 Kilometer in die Tiefe reicht. Seit 1890 wird Erz von hier über die Malmbanan (Erzbahn) nach Narvik verschifft. Die Züge gehören zu den schwersten der Welt – bis zu 8.000 Tonnen schwer, 750 Meter lang, gezogen von Lokgiganten.

In den letzten Jahren ist die Stadt berühmt geworden, weil sie wortwörtlich umzieht: Der Erzabbau hat unter dem alten Stadtzentrum Hohlräume entstehen lassen, die es gefährden. Ganze Straßenzüge, ja sogar die imposante Holzkirche von Kiruna wurden in mühsamen Aktionen mehrere Kilometer versetzt. Ein Stadtumzug im Zeitlupentempo. Erst gestern ist die Kirche an ihrem neuen Platz angekommen.

Und dann sind da die IORE-Lokomotiven – die wahren Helden dieser Region. Sie fahren nur hier: Doppel-Lokomotiven, fest gekuppelt, jede Hälfte 7.200 kW stark – zusammen also 14.400 kW, die stärksten Elektroloks der Welt. Gebaut, um die schwersten Züge Europas über die Hochebene nach Norwegen zu ziehen.

Ich liefere mir ein „Wettrennen“ mit einem dieser Giganten, denn die Straße geht direkt an der Bahnstrecke vorbei. Mal fahre ich vor, fotografiere, dann bleibe ich am Bahnübergang stehen, winke dem Lokführer zu. Er lacht, winkt zurück und drückt die Hupe – ein ohrenbetäubender Gruß. Kilometer um Kilometer begleiten wir uns, Straße und Gleise verlaufen zumeist parallel. Während die IORE-Lok unbeirrt Richtung Narvik stampft, suche ich mir vor der norwegischen Grenze einen Schlafplatz mit Blick auf Berge und Fjord.

Die Sonne sinkt, die Lok ist längst verschwunden. Nur das Nachhallen des Horns bleibt im Ohr – Erinnerung an diesen Tag zwischen Wildnis, Schlamm, Grenzen und Eisenbahngiganten.

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Tag 23 – Zwischen Abisko und Narvik: Auf den Spuren der Geschichte

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Tag 21 - Das Nordkapp, eine Enttäuschung?