Tag 21 - Das Nordkapp, eine Enttäuschung?
Alta-Olderfjord
393,6 km
Insgesamt: 6240,2 km
Los geht’s. Gleich hinter Alta geht es stetig bergauf. Ich biege noch links in eine Stichstraße nach Store Korsnes ab. Dort liegt neben einem kleinen Fischerdörfchen auch die Marineküstenbatterie 6/514, die ich bisher noch nicht gesehen habe. Natürlich ist auch hier alles gesprengt – doch mit einer Besonderheit: einem Betonschild mit Inschrift. So etwas habe ich noch nie gesehen. Eine Tafel zur Begründung der Batterie von 1941 und daneben eine Art Durchhalteparole von 1943. Und das Ganze steht noch heute mehr oder weniger unversehrt da. Verrückt.
Zurück auf der Hauptstraße beginnt die große Weite. Bäume sind verschwunden, nur noch karge Landschaft. In Skaidi gabelt sich die Straße – links ginge es nach Hammerfest, rechts Richtung Kirkenes. Ich halte mich rechts, mein Ziel ist das Nordkap. In Olderfjord: noch 130 km, die Sonne scheint, 8°. Rentierherden an der Straßenseite, rechts das Eismeer, links Fels. So geht es dahin.
An der Batterie Nordkapp durfte man im letzten Jahr den kilometerlangen holprigen Weg zu den Bunkern noch fahren, erst am Ende war gesperrt. Heute geht gar nichts mehr. Schon am Anfang blockieren Schilder und große Steine die Einfahrt. Absolutes Niemandsland – wen will man hier bitte stören? Schade. Genau dieses kleine bisschen Abenteuer und das „Wildstehen“ ziehen doch viele nach Norwegen. Ich bin froh, die alten Zeiten noch erlebt zu haben. Noch vor zwei Jahren war alles offen. Ein Thema, das sich durch ganz Norwegen zu ziehen scheint.
Dann der knapp 7 km lange Nordkapptunnel. Ein Wohnmobil bremst sich durchgehend bergab, die Bremsen stinken schon. Um die Ecke entdecke ich die alte Schule – nach acht Jahren des Verfalls endlich abgerissen.
In Honningsvåg noch schnell einkaufen für das Festmahl am Nordkap. Drei ältere Damen lassen sich beim Bezahlen Zeit, der Kassierer hat es auch nicht eilig. Zehn Minuten Wartezeit – aber hier oben spielt Zeit ohnehin keine Rolle. Währenddessen donnern Busse durch die Straßen, am Pier liegt ein riesiges Kreuzfahrtschiff, das die in den Hang gebauten Häuser locker überragt.
Dann die letzte Etappe: 16 km bis zum Nordkap. Vor mir eine Person, die extrem langsam fährt und die Kurven ohne Sicht schneidet – meine Nerven…
Und schließlich: Das Nordkapp. Dass man inzwischen Eintritt zahlen muss, wusste ich seit letztem Jahr. 10 € fürs Auto, 1,50 € pro Person – lächerlich. Früher war das hier frei. Nach dieser langen Anfahrt und all dem Geld, das Touristen ohnehin im Land lassen, wäre ein kostenloser Zugang ein starkes Signal. Stattdessen: überall neue Schranken. Die wenigen gratis Parkplätze neben der Straße, wo ich letztes Jahr noch stand, wurden auch abgesperrt. Wer also nicht kilometerweit laufen möchte, muss zahlen. Zusätzlich ist die Aufenthaltsdauer auf fünf Stunden begrenzt, Übernachten auf dem großen Schotterplatz demnach quasi verboten. Wieder ein Stück Freiheit weniger. Ich sage der Dame am Schalter nur: „Sad.“
Und es geht weiter: Wer eine Postkarte verschicken will, muss erst Eintritt zur Nordkaphalle zahlen – 350 NOK pro Erwachsener. Erst dann darf man in den Shop und nochmal Geld ausgeben. Völlig absurd. Also parke ich nur kurz, gehe zur Weltkugel, klatsche sie ab – zum sechsten Mal. Überall Verbotsschilder, lange Absperrungen. Mit dem Motorrad für ein Foto vorzufahren ist jetzt auch unmöglich. Schade. Früher war das kein Problem, meist geschah es nachts, wenn ohnehin nichts los war. Jetzt ist alles kaputtgeregelt. Für mich steht fest: unter diesen Umständen lohnt die Fahrt zum Kap nicht mehr. Bitter, das zu sagen – als jemand, der diesen Ort immer geliebt hat. Aber ich bin enttäuscht.
Nach zehn Minuten fahre ich schon wieder. Im Westen sehe ich die eigentliche Nordkapp-Landzunge – ein paar Meter weiter nördlich als die berühmte Klippe mit der Weltkugel, aber weniger spektakulär. Genau dort will ich jetzt endlich mal hinwandern.
Der Weg ist matschig, schon nach wenigen Metern sind die Schuhe durchnässt. Fünf Grad, kalter Wind, und nach etlichen rutschigen Kilometern sehe ich die Weltkugel wieder – diesmal aus der Ferne. Zwei Stunden brauche ich bis zum kleinen Denkmal, an dem ein Gästebuch in einer Kiste liegt. Ich schreibe ein paar Zeilen hinein. Doch selbst hier: Sticker mit politischen Parolen wie „fck SUV“ oder „fck Blablabla“. Meine Güte – selbst am nördlichsten Ende Europas fühlt es sich irgendwie zu deutsch an.
Der Rückweg zieht sich. Völlig durchnässt und frierend erreiche ich den Parkplatz. Die Wohnmobile haben längst ihre Heizungen angeschaltet. 4,5 Stunden war ich unterwegs, angesagt waren 5. Immerhin etwas schneller.
Und dann: Abendstimmung. Regen und untergehende Sonne zaubern ein goldenes Licht über diese karge Landschaft. Ein Moment der Schönheit – trotz allem.