Tag 20 – Alte Begegnungen und Schatten der Tirpitz

Tromsø – Alta

313 km

Insgesamt: 5.846,6 km

Es schüttet, als ich das Zelt abbaue. Der Morgen begrüßt mich mit einem eisigen, schneidenden Regen, geschmeidige 7°, die sich rasch auf 5° abkühlen – gefühlt wie knapp über dem Gefrierpunkt. Ein rauer Start in den Tag, aber genau dafür liebe ich den Norden: unberechenbar, hart, kompromisslos.

Mein Weg führt mich zurück und hinein in die Lyngenalpen, ein zerklüftetes Gebirge, das direkt aus einem Norwegen-Prospekt entsprungen scheint – nur eben in rohester Form. Schroffe Gipfel, Gletscherzungen und wilde Wasserfälle prägen die Landschaft. Dazwischen aber durch die Fjorde eine Weite, wie ich sie noch nicht gesehen habe. Kein Wunder, dass an der ersten Fähre gleich fünf Busse mit italienischen Touristen stehen. Verständlich – die Aussicht hier verschlägt mir selbst nach Wochen noch den Atem.

Die Wellen schlagen quer über die Fähre, Gischt fliegt meterweit davon, während dunkle Wolkenberge den Himmel verdunkeln. Plötzlich bricht die Sonne durch – und ein Regenbogen spannt sich über die Fjordlandschaft. Links ein pechschwarzer Himmel, rechts glitzernde Farben im Licht. Der Kontrast ist typisch für Nordnorwegen: zwischen Schönheit und Härte liegen oft nur Sekunden.

Später beim Einkaufen entdecke ich auf dem Parkplatz einen einsamen Offroadcamper – groß, kantig, fast schon wie ein rollendes Expeditionsschiff. Ich stelle mich daneben, Hauptsache weg von der Weißware-Fraktion. Als ich zurück zum Jimny komme, sehe ich zwei Leute, die Fotos von ihm machen und sich freuen. Er ist voll begeistert – sie haben den Vorgänger von meinem Zuhause. Heute haben sie bis auf ihr Haus alles verkauft und leben in ihrem neuen Camper, ein Koloss im Wert von 250.000 €, und das hier ist ihre Jungfernfahrt. Respekt, nette Leute.

Unterwegs lege ich wieder Stopps bei alten Bunkerstellungen ein. Die HKB 31/971 Rottenvik, eine ehemalige deutsche Heeresküstenbatterie, ist heute fast vollständig von Vegetation überwuchert. Nur die Umrisse der Geschützstellungen verraten noch, welche Rolle dieser Ort einst spielte. In einem alten Munitionsunterstand stoße ich auf das Skelett eines Schafes – ein merkwürdiges Bild, wie die Natur alles zurückholt.

Auch die MKB 3/512 Lyngen, eine Marineküstenbatterie, schaue ich mir erneut an. Mit der Drohne überfliege ich das Gelände, während der Wind die Wolkenfetzen über die Fjorde treibt. Auf dem Rückweg zum Auto entdecke ich, dass ich das Dachlicht angelassen habe – ein kleiner Schreckmoment. Hier draußen, weit abseits der Zivilisation, wäre eine leere Batterie kein Spaß. Zum Glück springt der Jimny ohne Murren an.

Spannend: Hier hat ein Soldat seinen Namen in die Tarnung des Bunkers geritzt. Ich erkenne den Namen „Weil“.

Je weiter ich Richtung Finnmark komme, desto einsamer wird es. Die Stromleitungen verlaufen hier noch oberirdisch an Holzpfosten, Relikte einer Zeit, die bei uns fast vergessen ist. Die Vegetation verändert sich: dichte Wälder verschwinden, stattdessen prägen nun Krüppelbirken die Landschaft, klein, knorrig, vom Wind gezeichnet. Schneemobile am Straßenrand erinnern daran, dass der Sommer hier nur ein kurzer Gast ist.

Die Region ist auch durch die Lyngenlinie geprägt, ein gewaltiges Verteidigungswerk der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Rückzug 1944 (Unternehmen Nordlicht) von der Murmansk- oder Eismeerfront wurde sie als letzte große Verteidigungslinie gegen die herannahende Rote Armee ausgebaut und bis Kriegsende gehalten. Zwischen Fjorden, Meer und den steilen Lyngenalpen entstand so eine natürliche Barriere, verstärkt durch tausende Stellungen und Bunker. Nördlich der Linie sprengte die Wehrmacht beim Rückzug 1944 fast alle Anlagen, weshalb ab jetzt fast nur noch weitestgehend zerstörte Anlagen zu finden sind.

Vor Alta stoße ich auf zerstörte Bunker, die ich seit Jahren nicht mehr gefunden hatte – die neue Straße hatte sie „versteckt“. Ein vertrauter Ort taucht auf: dieselbe Kurve, derselbe Ausblick, an dem ich vor acht Jahren ein Foto gemacht habe. Ich wiederhole es – gleiche Jacke, gleiches Beanie. Nur der Mensch dazwischen hat sich verändert, ich sollte wohl wieder mehr Reisen mit dem Fahrrad machen.

Dann öffnet sich das Tal zum Kåfjord, einem Seitenarm des Altafjords. Kaum zu glauben, dass dieser friedliche Fjord einst einer der wichtigsten Kriegsschauplätze der Region war. Hier lag die „Tirpitz“, das größte Schlachtschiff der Kriegsmarine. Mit über 250 Metern Länge galt sie als Stolz Hitlers, doch in den Fjorden Norwegens lag sie meist still – zu wertvoll, um sie im offenen Meer zu riskieren. Allein ihre Präsenz band gewaltige britische Flottenverbände. Mehrfach griffen britische Bomberverbände und Mini-U-Boote an, bis die „Tirpitz“ schließlich 1944 bei Tromsø endgültig versenkt wurde. Noch heute findet man in den Bergen rund um den Fjord alte Stellungen, Flakstellungen und Kartuschen – stumme Zeugen einer Zeit, als hier ein gigantisches Kriegsschiff Schutz suchte.

Ich klettere zwischen Felsen umher, finde alte Relikte, die der Regen freigespült hat. Die Geschichte liegt hier nicht in Museen, sie liegt direkt unter den Füßen. Und während die Sonne die Gipfel in goldenes Licht taucht, während ringsum Regen fällt, wird mir wieder bewusst: Der Norden ist voller Kontraste. Hart, einsam, wunderschön – und immer ein wenig geheimnisvoll.

Am Ufer gegenüber liegen einfach so neben einem Parkplatz Schiffskanonen und allerlei Gerümpel rum. Gleich dahinter ist der Krater einer Tallboy-Bombe, die bei einem Luftangriff mit britischen Lancasterbombern 1944 auf die Tirpitz hier niederging. Was für ein Krater, das muss ordentlich gerumst haben.

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Tag 21 - Das Nordkapp, eine Enttäuschung?

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Tag 19 – Tropfnasser Abschied, Festung im Nebel