Tag 19 – Tropfnasser Abschied, Festung im Nebel
Anderdalen Nasjonalpark – Tromsø
274,8 km
Insgesamt: 5533,6 km
Dieses Mal hat es mich erwischt: Im strömenden Regen muss ich das Zelt abbauen. Gestern noch ein magischer Ort, heute nur Nebel, Kälte, Nässe. Keine Spur von Zauber. Egal – ich will mein Glück noch einmal beim Skrolsvik-Fort versuchen. Letztes Jahr war es verschlossen, vielleicht hat inzwischen jemand wieder einen Weg hinein „gefunden“.
Rund 30 Kilometer sind es noch bis an die Südwestspitze Senjas. Am Parkplatz angekommen, bin ich wie so oft der Einzige. Ich war schon ein paar mal hier. Links ein Campingplatz, den nie jemand nutzt. Daneben ein altes Landschulheim – seit Jahren eine Baustelle, ohne dass sich wirklich etwas verändert. Bagger stehen rum. Ein merkwürdiger Ort, eingefroren zwischen Vergangenheit und Stillstand.
Ich gehe an dem alten Haus vorbei, aus dem 1954 die Familie Margit und Johan Frostad als Zivilisten vom norwegischen Militär „evakuiert“ wurde. Spuren von Geschichte, die im grauen Licht noch schwerer wirken. Dann endlich das Fort: Die Deutschen errichteten hier 1941 zunächst eine Feldbatterie, ab 1943 stand die Marineküstenbatterie 6/511 mit vier 15-cm-Kanonen bereit – Reichweite über 23 km. Nach dem Krieg übernahm die norwegische Armee die Anlage, nutzte sie noch bis 1989 als Küstenverteidigung. Heute stehen die vier Kanonen noch immer hier, die Bunker sind halb verfallen, halb umgebaut. Doch manches hat sich seit letztem Jahr verändert – zwei große Granaten, die früher noch auf der Wiese und im Schuppen lagen, sind verschwunden. Schade, aber wohl unvermeidlich, Trophäenjäger gibt es halt überall.
Ich finde einen Zugang. Da wo letztes Jahr alles versperrt war, kann ich wieder hinab in die gruselige Welt der Anlage eintauchen. Ab in die vollkommene Finsternis. Die gesamte Landzunge ist „unterkellert“. So brauche ich ganze 10 Minuten, um bis ans Ende zu gelangen. Dabei lasse ich aber einiges aus, meine erste Erkundung hat in eine Richtung ganze 15 Minuten gedauert. Achja, wenn dir hier unten das Licht ausgeht, hast Du ein Problem. Alleine findest Du da nicht mehr raus. Versprochen. In den Tiefen der Bunker hört man erstaunlich viel. Den Wind, der durch die Kanonen nach unten pfeift. Wasser, das von der Decke tropft. In der Ferne ein Ächzen. Jetzt konzentriert bleiben und keine dummen Gedanken aufkommen lassen - ich bin hier definitiv allein. Gefühlt hunderte Meter geht es so dahin, durch Wohneinheiten, lange in den Fels gehauene Gänge, betonierte Gänge, dazwischen geht es viermal in ein anderes Stockwerk zu den Kanonen. Von unten sind die Aufzüge für die Geschosse gut sichtbar, die die Munition direkt zu den Kanonen gehoben haben. Generatorräume, Duschen, Toiletten, alles noch da. Ganz am Ende dann das Lagezentrum mit Karten an der Wand und Einrichtung aus Holz. Hier riecht man den Schimmel und ich verweile nur kurz.
Jetzt beginnt der Weg zurück durch die Dunkelheit. Neun Minuten zurück ans Tageslicht. Als ich wieder draußen bin, bin ich doch wieder etwas entspannter, so ganz allein ist es immer etwas schräg.
Auf dem Rückweg tauchen die ersten Rentiere auf, wieder in jemandes Vorgarten. Ich nehme einen Umweg über die Lyngen-Alpen. Schotterpisten, Schlaglöcher, Wellblech-Rüttelstrecken – ein Tanz aus Matsch und Gerüttel, der mich durch eine wilde Bergwelt führt. Schroffe Gipfel, Gletscher, Schneeflecken, dazwischen einzelne Bauernhöfe, und immer wieder der Blick aufs kalte Nordmeer.
Die Lyngen-Alpen sind rund 90 km lang, bis zu 15 km breit. Ihr höchster Gipfel, der Jiehkkevárri, erhebt sich 1834 Meter über dem Meer. Über 140 Gletscher liegen hier, manche enden direkt in türkisblauen Seen wie dem Blåisvatnet. Ein raues, schönes Land, seit 2004 unter Schutz gestellt – und noch immer Lebensraum der Sami mit ihren Rentierherden.
Obwohl es erst 14 Uhr ist, will ich heute nicht mehr weiter. Die letzten Tage waren anstrengend, der Kopf schmerzt. Zeit für einen ruhigeren Tag. Tromsø-Stadt lasse ich aus – bei Regen macht es ohnehin keinen Sinn.