Tag 18 – Seekrank, Seelöwe, Segla (die unheilige Dreifaltigkeit)

Andenes-Anderdalwn Nasjonalpark

147,9km

Insgesamt: 5258,8km

Der Sturm weckt mich um 5 Uhr. Ein romantisches „Guten Morgen“ klingt anders – eher schreit der Wind: „Los, raus mit dir, Camper, das Leben ist kein Ponyhof!“

Um sechs packe ich das Zelt ein. Muss sowieso früh rüber zur Fähre, die ist immer ratzfatz voll. Wer zu spät kommt, darf vier Stunden lang im Regen warten.

Um sieben stehe ich dann schon in zweiter Reihe an der Fähre. Während der Regen versucht, meine Autoscheiben durchzuwaschen, taucht plötzlich neben mir ein Seehund auf, schaut mich an wie ein gelangweilter Türsteher und schnappt nach Luft. Leider zu nass zum Aussteigen. Ich sehe ihn später noch zweimal.

Die alte Stetind schippert immer noch. Ich bin sicher, ich bin schon sechs oder sieben Mal mit ihr gefahren. Sie ist wie dieser eine Onkel auf Familienfeiern: ein bisschen rostig, aber zuverlässig da. Rüttelnd und scheppernd legt sie ab – nur um gleich nochmal zurückzufahren, weil wohl noch ein verspäteter Tourist winkend angerannt kam. Netter Kapitän, aber ich wette, innerlich hat er geflucht.

Während der Fahrt bellen die Alarmanlagen der Autos im Takt zum Wellengang. Wer hier oben immer noch nicht kapiert hat, das Ding auszuschalten, sollte besser auch bei der Wahlkabine draußen bleiben. Das Meer macht inzwischen was es will – links, rechts, hoch, runter – und einige Passagiere hängen über der Reling und geben ihren Frühstücksresten eine letzte Chance auf Seereisen oder den Fischen eine Gratismahlzeit. Achtern wird der Leuchtturm von Andenes immer kleiner.

Endlich kommt Senja in Sicht: majestätische Berge im Wolkenmantel. Während die Seekranken ihre letzten stillen Gebete murmeln, wird die See plötzlich ruhig - die Landabdeckung regelt! In Gryllefjord winken bunte Holzhäuser, als wüssten sie, dass gerade eine halbe Fähre voller blasser Gesichter gerettet wurde.

Das Wolkenradar verspricht: zwei Stunden kein Regen. Haha. Von Westen schiebt sich schon die nächste dunkle Wand an. Also los – die Zeit will genutzt werden.

Die Straße, die zwei Jahre lang Baustelle war, ist jetzt wieder offen. Ich lasse trotzdem erstmal die ganze Fähre vorfahren – Kolonnenfahren auf einer norwegischen Panoramastraße ist ungefähr so sinnvoll wie ein Regenschirm im Orkan.

Erster Stopp: Bergsbotn.

Eine Aussichtsplattform. Von hier sieht man den Fjord unter sich in voller Länge, eingerahmt von schroffen Bergen. Heute allerdings: Parkplatz voll. Also einmal kurz im Auto nickend so tun, als hätte ich’s gesehen, und weiterfahren. Ich kenne es ja bereits ganz gut.

Highlight Nummer eins: Tungeneset.

Hier hat jemand einen schicken Holzsteg gebaut, der direkt aufs Meer zeigt – perfekt für Fotos von den markanten „Teufelszähnen“, einer Bergkette, die aussieht, als hätte ein Riese schlechte Laune gehabt und mit spitzen Fingern in die Erde gepiekst. Je nach Licht wirkt es hier mystisch, bedrohlich oder wie ein Poster für „Visit Norway“. Heute: alles innerhalb von zehn Minuten. Die Stimmung kommt aber nicht an den Sonnenuntergang von vor zwei Jahren ran, als wir mehr oder weniger alleine an diesem Ort waren.

Highlight Nummer zwei: Berg Hesten mit Blick auf den Segla.

Der Segla ist 639 m hoch, die pure Steilwand. Von der Seite sieht er aus wie ein riesiges Felssegel – daher auch der Name. Hesten, der Nachbarberg, ist mit knapp 556 m zwar niedriger, aber für Fotografen Gold wert: Von hier hat man den perfekten Blick auf den Segla, ohne selbst am Abgrund kleben zu müssen. Der Aufstieg dauert etwa eine Stunde – sportlich, aber machbar. Auf dem ersten Bild sieht man neben einer Fischfarm den Segla ganz rechts und den Hesten links daneben. Auch erkennt man die Steilwand, von der ich gleich schreiben werde…

Ich schaffe es hoch, fotografiere und stelle fest, dass ich nur Zentimeter von einer hunderte Meter abfallenden Klippe sitze. Ich schiebe mein Handy kurz über die Kante, weil meine Höhenangst spontan beschlossen hat, jetzt ganz groß rauskommen zu wollen (ich aber den Ausblick trotzdem einfangen will). Die Fotos schaue ich mir lieber unten an – sicher ist sicher. Aber was soll ich sagen: dieser Blick… Jeder kennt ihn von Instagram. Aber in echt haut er dich einfach um.

Weniger umwerfend: die Schuhwahl mancher Mitmenschen. Leute, Turnschuhe mit glatter Sohle auf rutschigen Felsen und Matsch? Ernsthaft? Selbst meine Trailschuhe haben Müh und Not ordentlichen Halt zu finden. Herr, lass bitte nicht nur Vernunft, sondern auch Wanderschuhe regnen! Instagram lässt grüßen.

Am Nachmittag bin ich dann doch etwas müde. Die restliche Fahrt wird anstrengend, ich rolle aber noch ein Stück weiter, bis ich an dem Spot ankomme, der schon seit Jahren in meinen Karten abgespeichert ist, den ich schon ewig fürs Wildzelten im Auge hatte. Frei, perfekt. Der Jimny parkt direkt am Wasser, ich baue mein Mini-Camp auf und genieße den Blick auf den Fjord. Kostenlos. Aber garantiert nicht umsonst.

Ach ja, fast vergessen: Heute vor genau acht Jahren habe ich zum ersten Mal das Nordkapp erreicht. Schönes Jubiläum – und wie immer: ein Moment zum Innehalten… bevor der nächste Regenschauer kommt - und der kommt schon heute Abend…

Zurück
Zurück

Tag 19 – Tropfnasser Abschied, Festung im Nebel

Weiter
Weiter

Tag 17 – Zwischen Regen, Stürmen und Sonnenbrillenmomenten