Tag 17 – Zwischen Regen, Stürmen und Sonnenbrillenmomenten

Straumfjord-Andenes

320,7 km

insgesamt: 5110,9 km

Um 6:30 klingelt der Wecker. Vor mir liegen fast vier Stunden Fahrt, dazu noch eine Fährüberfahrt – und um Punkt 12 Uhr muss ich in Harstad sein. Keine Minute später.

Die Nacht war unruhig: Regen, Wind, Kälte. Acht Grad zeigt das Thermometer am Morgen, aber ehrlich gesagt fühlt es sich nach deutlich weniger an. Trotzdem habe ich Glück – das Zelt bleibt trocken. Wer einmal ein pitschnasses Zelt am Morgen einpacken musste, weiß, was das für ein Segen ist. Ein trockener Start garantiert auch eine halbwegs trockene Nacht am kommenden Abend. Kleine Dinge, die unterwegs Großes bedeuten.

Die ersten Kilometer verschwinden direkt im Dunkel eines acht Kilometer langen Tunnels. Kaum wieder ans Tageslicht gekommen, die Überraschung: Zwei Elche! Ganz entspannt grasen sie im Vorgarten eines Hauses. Ich reiße das Steuer herum, Kamera gezückt – und diesmal klappt es. Endlich Fotos, die was geworden sind.

Hier oben fällt mir auf: Viel mehr Möglichkeiten zum Freistehen, überall Parkplätze, überall kleine Buchten. Freiheitsgefühle pur, nicht so wie im dicht bebauten Süden. Generell ist auch nicht mehr so viel los und ein anderes Publikum.

Zurück auf der Straße: Ein Reiher mitten auf der Straße weigert sich, Platz zu machen und schaut dem sicheren Tod ins Auge. Nur durch ein Ausweichmanöver entgehe ich einem unschönen „Zusammentreffen“.

Gestern hat der Jimny 9 Liter/100km geschluckt – die Berge, der Wind und ein paar Drängler im Rückspiegel haben ihren Teil beigetragen. Mit dem MX-5 kam ich hier oben trotz doppelter Leistung mit knapp unter 5 Liter aus.

Die Fähre bringt mich nach Lødingen. Rechts ginge es nach Narvik – aber mein Ziel heißt Harstad, auf der Insel Hinnøya. Steuerbords breitet sich der Ofotfjord aus, an dessen Ende Narvik liegt. Hier tobten Anfang 1940 erbitterte Gefechte: die berühmte Seeschlacht um Narvik. Britische und deutsche Zerstörer lieferten sich Gefechte, Flugzeuge stürzten sich in die Schlacht, und am Ende versenkten die Deutschen ihre übriggebliebenen eigenen Schiffe, als jede Patrone verschossen war. Eines dieser Wracks – die „Georg Thiele“ – habe ich letztes Jahr im Rombaksfjord besucht. Noch heute liegt sie dort, halb versunken, ein rostiges Denkmal.

Warum das alles? Narvik war kriegswichtig: von hier aus führte die lebenswichtige Eisenerzroute aus Schweden. Ohne diese Versorgung wäre die deutsche Rüstungsindustrie rasch ins Leere gelaufen. Darum waren die Kämpfe hier so erbittert, auch Gebirgsjäger wurden eingesetzt. Nachdem die Schiffe versenkt waren, sammelten sich die Seeleute. Ohne große Ausrüstung, ohne viel Verpflegung, im kalten April. Eigentlich hätten sie verloren sein müssen. Die deutschen Seeleute schlossen sich den schon vor Ort eingesetzten Gebirgsjägern unter General Eduard Dietl an. Gemeinsam gruben sie sich in den Bergen rund um Narvik ein, bauten Verteidigungsstellungen und kämpften fortan wie Infanterie. Viele hatten vorher noch nie ein Gewehr in der Hand gehabt, außer zur Wachübung. Im Mai 1940 wurde die Stadt von den Alliierten kurzerhand eingenommen. Die Truppen wurden aber wegen des Deutschen Westfeldzuges in Europa wieder abgezogen und so konnte Dietl Narvik zurückerobern.

Später sollte die Batterie Dietl – die ich gestern besuchte – genau diesen Meerweg, den Ofotfjord, vor einem weiteren Angriff per Seeweg aus dem Süden sichern.

Die Fähre krängt unter dem Wind, vor mir erscheinen die Vesterålen, die nördlich der Lofoten liegen. Man will sich gar nicht vorstellen, wie die Seeleute beider Nationen sich hier im April gefühlt haben müssen.

Doch heute will ich noch weiter: die Nordroute bei Harstad mit ihren „Adolfskanonen“. Vier gigantische 40,6-cm-Geschütze wurden hier stationiert, gedacht, um feindliche Schiffe weit draußen auf See zu bekämpfen. Eine Kanone konnte Granaten über 50 Kilometer weit schießen. Ich war schon einmal hier, doch damals wurde keine Führung angeboten. Dieses Mal klappt es aber.

Im Konvoi fahren wir in die aktive Kaserne ein, wo die Kanonen stehen. Die Führung ist spannend, aber für mich wenig Neues. Vieles wurde nach dem Krieg überstrichen oder umgebaut, sodass wenig originale Atmosphäre übrig blieb. Der 80 Jahre alte Dieselgenerator läuft zwar immer noch – der Guide meint lachend, man könne Harstad notfalls damit mit Strom versorgen – doch Authentizität spürt man stärker an Orten wie der Batterie Vara in Kristiansand oder direkt in den Ruinen der Dietl.

Also verlasse ich die Kaserne wieder. Straßenarbeiten gibt es auch hier oben, und das selbst am Samstag. In wenigen Jahren, da bin ich mir sicher, wird Norwegen ein völlig anderes Gesicht haben: glatte, breite Straßen statt der kleinen, verschlungenen Wege, die das Reisen hier oben noch so besonders machen.

Die Berge tragen schon erste Schneeflecken. Am Straßenrand verlassene Häuser, deren Geschichte man sich nur ausmalen kann. Wer da wohl gelebt hat?

Beim Einkaufen bekomme ich einen Daumen hoch – der Jimny sorgt offenbar für Sympathie. Danach geht es weiter: entlang der Westküste der Vesterålen, hinauf nach Andenes. Ein vertrauter Campingplatz wartet, nicht luxuriös, aber mit heißer Dusche. Genau das brauche ich heute.

Und das Beste: Das Wetter war mehrheitlich freundlich. Ich konnte sogar die Sonnenbrille aufsetzen – ein kleines Stück „Sommer“ zwischen Regen und Sturm. Nur manchmal hat es noch genieselt. Aber was soll’s. Die Küste ist dafür umso spannender und bietet allerlei Möglichkeiten zum Fotografieren.

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Tag 18 – Seekrank, Seelöwe, Segla (die unheilige Dreifaltigkeit)

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Tag 16 – Zwischen Regen, Sturm und Geschichte