Tag 16 – Zwischen Regen, Sturm und Geschichte
Kilborgham-Straumfjord
449,9km
Insgesamt: 4790,2km
Wie durch ein Wunder kann ich das Zelt trocken abbauen. Wenige Minuten später rolle ich schon auf die Fähre – die Polarkreis-Passage beginnt. An Steuerbord das Denkmal, das den magischen Breitengrad markiert.
Kaum ist die Linie überschritten, schiebt sich auch bald nach kurzer Fahrt der Svartisen-Gletscher ins Blickfeld, ein mächtiger, bläulich schimmernder Koloss aus Eis, zweitgrößter Gletscher Norwegens. Selbst im trüben Wetter wirkt er majestätisch – und unnahbar.
Doch das Wetter kennt heute kein Erbarmen. Regen, Regen, Regen. Wasser steht zentimeterhoch auf der Straße, das Auto pflügt durch endlose Pfützen. Kochen im Freien? Keine Chance. Die wenigen Radfahrer, die ich überhole, tun mir leid – klitschnass, kämpfend gegen Wind und Kälte.
Bei Saltstraumen, der mächtigsten Gezeitenströmung der Welt, peitscht der Regen quer. Hier schießt das Meer mit bis zu 40 km/h durch eine Meerenge, Wirbel und Strudel tanzen im Wasser – heute fast unsichtbar unter der grauen Gischt. Ich halte gar nicht erst an.
Bodø und die Lofoten streiche ich von der Route. Wetter schlecht, Fähre teuer, und an Land wartet noch eine Lücke in der Strecke. Stattdessen: zurück auf die E6. Dauerndes Aquaplaning. Wasser strömt die Scheiben hinunter, die Wischer kommen kaum noch hinterher. Wer Norwegen so zum ersten Mal erlebt, könnte den Eindruck gewinnen, das Land wolle Besucher vertreiben (und wird wohl nicht mehr kommen).
Nach Stunden lichtet sich der Himmel etwas. Endlich wieder Sicht: Bäume, Seen, Fjorde, Wälder, Berge – alles in satten Farben. Fischer in Ölzeug sitzen stoisch in ihren Booten. Für sie ist das hier Alltag und das Wetter kein Grund zur Beunruhigung.
Unweit der E6 bei Tømmerneset biege ich am Sagelva rechts ab. Ein schmaler Pfad führt über eine Holzbrücke, das Rauschen des Flusses begleitet mich. An einer steilen Felswand, direkt am Wasser, blitzen bei genauem Hinsehen zwei Gestalten auf – lebensgroße Rentiere, in den Stein gerieben. Fast 9 000 Jahre alt, geschaffen von Menschen, die hier einst jagten und lebten. Damals lag der Wasserspiegel höher, und die Tiere schienen am Ufer entlangzulaufen. Heute stehen sie still, festgehalten in Gneis, der Wind pfeift über den Fluss.
Dann bricht er los: Sturm. Böen rütteln am Wagen, der Regen peitscht von allen Seiten. Eine Pfütze wird zum kleinen See – das Wasser schwappt am Reifen hoch und findet den Weg durchs leicht geöffnete Fenster zurück ins Innere und ergießt sich über mich. Nicht mal im Auto bin ich sicher, denke ich mir. Über eine einspurige Brücke geht es in eine gottverlassene Landschaft. Dutzende Kilometer ohne ein anderes Auto. Weißer Sandstrand, vereinzelte Bauernhöfe – und dann: die Batterie Dietl auf Engeløya
Hier, am Rande der Welt, errichtete die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg eine der größten Küstenbatterien Norwegens - zum Schutz von Narviks südlicher Zufahrt. Benannt wurde sie nach General Eduard Dietl, dem Kommandeur der 3. Deutschen Gebirgs-Division während der deutschen Invasion in Norwegen am 9. April 1940 („Operation Weserübung“). Dietl galt als Symbolfigur für die Gebirgstruppe, starb jedoch im Sommer 1944 bei einem Flugzeugabsturz in Österreich.
Das Museum ist heute aber schon geschlossen und macht erst um elf wieder auf - so lange will ich bei dem Wetter nicht warten. Doch das Gelände selbst ist ein Erlebnis: zahlreiche unrestaurierte Bunker, verwinkelt, mehrstöckig, stockfinster. Knietiefes Wasser in den Räumen, in denen ich durchwate. Plötzlich – ein Geräusch aus einem anderen Raum, das mich in der Dunkelheit zusammenzucken lässt. Doch es war nur der Wellenschlag meiner Schritte. Unheimlich. Manchmal stürzt auch das Wasser von einem Stockwerk weiter oben die Treppen herunter.
Originalbeschriftungen an den Wänden: „Geschossbunker“, „Kartuschbunker“.
Direkt am Eingang des großen Bunkers mit dem 406mm Geschütz ist eine MG-Stellung. Dort blättert eine gemalte Blumentapete von der Wand – ein grotesker Kontrast zwischen Kriegsmaschinerie und menschlichem Bedürfnis nach Schönheit. Das Areal ist riesig, und bei besserem Wetter könnte man sogar zu benachbarten Inseln mit weiteren Bunkern laufen. Heute aber drückt der Regen nieder, Kühe stehen still in den Wiesen und beobachten mich.
Draußen bleibt es unterdessen einfach nur nass: