Tag 15 – Elche, Ebbe und eine Kuh mit Vorfahrt
Kolvereid-Outback-Kilboghavn
294,4km
Insgesamt: 4340,3km
Der Tag beginnt unter tiefhängenden Wolken, die wie ein schwerer Vorhang über der Landschaft liegen. Plötzlich wieder ein Unfallfahrzeug – im Straßengraben, diesmal aber ordentlich gesichert mit Warnwesten. Nichts, was mich aufhalten müsste. Kaum ein paar Kilometer weiter: zwei Elche, direkt neben der Straße, majestätisch und gelassen, als wüssten sie um ihre Wirkung. Ich halte an, greife zur Kamera, drücke mehrmals begeistert ab – perfekte Bilder, denke ich. Später merke ich: keine Speicherkarte drin. Großartig. Ich habe heute leider kein Foto für dich.
Die Küste zeigt sich bei Ebbe. Seegras ragt wie grüne Pinselstriche aus dem nassen Sand, und erste glattgeschliffene Berge tauchen aus der Landschaft auf – typisch für diese Gegend. Das Meer, vorhin noch stahlblau, wirkt unter den immer dichter werdenden Wolken nun stumpf, beinahe bleiern.
Hier beginnt der Helgelandskystveien, die berühmte Küstenstraße Norwegens, die sich über mehr als 400 Kilometer und etliche Fährüberfahrten zieht. Eine der schönsten Strecken des Landes, sagt man – mit Inselblicken, Fjorden und spektakulären Brücken. Meine erste Fähre des Tages legt mit einem leisen Quietschen an, die Rampe wird dem Wasserstand angepasst, die Möwen kreischen dazu ihr Hafenkonzert. Der neu angelegte Parkplatz davor glänzt noch im feuchten Licht.
In einem kleinen Laden später: Self-Checkout, kein einziger Mitarbeiter weit und breit. Vertrauen ist hier nicht nur ein Konzept – es wird einfach gelebt.
Der Verbrauch liegt heute bei 8,25 Litern – eigentlich ganz ordentlich. Am Torghatten, dem sagenumwobenen Berg mit dem 35 Meter hohen Loch mitten in der Kuppel, fahre ich vorbei. War schon ein paar Mal oben, und bei dem Wetter würde sich der Aufstieg ohnehin nicht lohnen.
Danach wieder zwei Stunden Wartezeit auf die nächste Fähre – Geduld war noch nie meine Stärke.
Dann eine Szene, die fast filmreif ist: Mitten auf der Landstraße trottet plötzlich eine Kuh über den Asphalt, als sei sie hier die Chefin. Vollbremsung, Herzklopfen – und weiter geht’s. Sie ist die Chefin.
Bald erreiche ich die Helgelandsbrua, eine elegante Schrägseilbrücke von fast einem Kilometer Länge, die den Leirfjord überspannt. Eigentlich bietet sie atemberaubende Blicke auf Meer und Berge – heute allerdings nur eine graue Wand. Der Himmel verdunkelt sich weiter, bis schließlich Regen wie aus Kübeln fällt. An den Aussichtspunkten sieht man keine hundert Meter weit. Die Straße wird rutschig, und meine grobstolligen Offroadreifen machen bei Nässe jede Kurve zu einem kleinen Abenteuer.
Der Tag endet unter tiefem Donnergrollen, mit dem Gefühl, dass der wahre Zauber dieser Strecke erst bei besserem Wetter sichtbar wird – aber genau darin liegt vielleicht der Reiz.
Abends gibt es noch einen großen Teller Reke mit einem eiskalten Bier. So muss das sein.