Tag 13 – Regen, Röhren und Riesenflügel

Kristentrøa – Ørland

116 km

Insgesamt: 3657,4 km

Die Gummihaube vom Dachzelt wird gerade noch rechtzeitig festgezurrt, als der erste Tropfen fällt. Eine Minute später kommt der Weltuntergang. Regen, der nicht in Tropfen, sondern in Eimern vom Himmel stürzt. Norwegen zeigt wieder einmal, dass Sommer hier eine flexible Definition hat. Wir rollen weiter Richtung Trondheim. Rechts das Wasser, links der Wald, manchmal auch beides gleichzeitig – schön, aber so gleichmäßig, dass man fast den Eindruck bekommt, das Land habe die Landschaft auf Dauerschleife gestellt. Irgendwann taucht die Fähre auf, die uns auf die vorgelagerte Halbinsel vor Trondheim bringt. In der Ferne thront auf einem Hügel der schwere Kanonenturm der Gneisenau, wie Gandalf in Stahl und sagt: Du kannst nicht vorbei.

Unser Ziel ist derselbe Campingplatz wie im letzten Jahr. Er ist sauber, wenig los, man kann sich selbst einchecken und muss mit niemandem reden. Direkt daneben liegt die Luftwaffenbasis Ørland. 1941 rückte hier die deutsche Luftwaffe an, enteignete in Windeseile 45 Bauern und verwandelte Felder in einen riesigen Flugplatz. Erst entstand eine hölzerne Startbahn für Jagdflieger, später eine lange Betonpiste für Bomber und Seeaufklärer. Von hier aus wurden die U-Boot-Bunker Dora I und II in Trondheim geschützt und der gesamte Trondheimsfjord überwacht. Überall standen Flakgeschütze, Bunker und Tarnnetze – Ørland war eine Festung der Lüfte. Nach 1945 übernahm die norwegische Luftwaffe den Platz, und in den 1950er Jahren begann der NATO-Ausbau. Heute starten hier F-35, hochmodern, laut und gerne mal tief über Zeltplätze hinweg.

Wir fahren am Zaun entlang, als plötzlich ein Grollen den Körper vibrieren lässt. Hinter einer Sichtschutzwand schießt ein Kampfjet mit Nachbrenner los, so nah, dass man meinen könnte, das Auto wäre ernsthaft in Gefahr. Kaum ist er verschwunden, startet der nächste. Stunden später dröhnt ein noch tieferer, voller Klang durch die Luft. Ein amerikanischer B-1B Lancer fliegt über den Campingplatz. Ursprünglich für nukleare Angriffe im Kalten Krieg gebaut, trägt er heute nur noch konventionelle Waffen – dafür bis zu 34 Tonnen auf einmal, mehr als jedes andere Kampfflugzeug. Er hat Schwenkflügel, kann im Tiefflug Radaren entkommen und schafft fast 12.000 Kilometer Reichweite, genug für einen Abstecher nach Norwegen. Dieses Flugzeug kennt wohl jeder über Umwege, ohne es je gesehen zu haben. Überall, wo es auf der Welt brennt - es wird wohl dabei sein. Was der hier wohl macht und wo der wohl hinwill?

Zurück
Zurück

Tag 14 – Drei Bomber, ein Schlachtschiff und ein grinsender Elch

Weiter
Weiter

Tag 12 – Von Höllenottern, verschlossenen Türen und Bond-Feeling