Der lange Weg zurück.
Tag 27-38
Oslo-Rügen-Dresden-Salzburg
1932.7km
Insgesamt: 11327.2km
Auch die letzten zwei Nächte auf dem Campingplatz am Oslofjord im Zelt gehen schnell vorbei. Das Wetter ist gut und wir nutzen die Gelegenheit den örtlichen Freizeitpark mitsamt aller Achterbahnen unsicher zu machen.
Aber was soll man machen. Wenn man Freunde in Oslo hat, muss man diese natürlich besuchen. Traditionen müssen gewahrt werden. Die Tatsache, ein bequemes Bett zu haben und fürstlich bekocht zu werden, wird natürlich freudig erwartet. Aber vor allem die zwischenmenschlichen Eindrücke sind wieder mal sehr wertvoll. Endlich können noch ein paar Tage Pärchenurlaub genossen werden. Die ganze Fahrerei der Reise war dann doch anstrengend und hat wenig Zeit für Entspannung gelassen. Die Stadt besticht durch Sauberkeit, Ruhe und allerlei Unterhaltungsmöglichkeiten in Form von Museen, im Meer Baden oder einfach nur Schlendern.
Für einen kleinen Ausflug in den Wald zum Pilzsammeln verlassen wir die Stadt dann aber doch. Nach wenigen Kilometern mit dem Auto und dann noch zu Fuß sind wir in einer anderen Welt. Ein kleiner See bietet zwar nicht viele Schwammerl, aber dann doch viel Ruhe um auszuspannen. Die Ruhe wird genutzt und die Hängematte aufgebaut. Verrückt - ein ähnlicher See daheim wäre jetzt mit hunderten von Leuten bevölkert - hier sind es gerademal ein Dutzend und die sind nicht mal zu merken. Und das neben einer Weltstadt mit über 600.000 Einwohnern wie Oslo.
Irgendwann ruft bei meiner Partnerin leider die Arbeit und so muss ich mich am Flughafen schweren Herzens verabschieden. Ein paar Tage bleiben mir noch, bevor auch mich der Alltag wieder einholen wird. Aber auch mich zieht es mittlerweile wieder Richtung Süden. So begebe ich mich wohlgenährt und mit frisch gewaschener Kleidung zurück ins Auto. Es geht zurück nach Schweden, wenn auch nur kurz. Das Ziel: Bästnäs. Über die Autobahn geht es schnell auf eine Landstraße, die dann in immer kleineren und engeren Straßen mündet. Letztlich befahre ich eine Schotterstraße durch den Wald. Früher wurde hier Zucker geschmuggelt. Über die grüne Grenze geht es dann zum Ort der Begierde. Bästnäs ist ein alter Schrottplatz auf dem noch ca. 1000 Autos zum Teil schon seit über 50 Jahren von der Natur überwuchert werden. 1955 wurde hier eine Werkstatt gegründet, die sich vor allem mit Deutschen, schwedischen und englischen Marken beschäftigte. In Norwegen hingegen gab es damals noch keine Privatautos und auch deren Import war verboten. Nachdem es aber kein Verbot vom Import von Autoteilen gab, nutzten die Werkstattbesitzer diese Gesetzeslücke gewieft aus. In Schweden wurden daher die Autos demontiert und in Norwegen wieder zusammengebaut. Erst im Jahr 1986 wurde die Werktstatt geschlossen.
So stehen heute mitten in der Natur Oldtimer, die vom Moos und Rost bedeckt sind. Immer wieder wachsen dicke Bäume durch die Motor- oder Innenräume der Boliden. Manch ein Schätzchen wäre heute ein kleines Vermögen wert. Als Autofan habe ich wohl noch nie so einen schönen Ort gesehen.
Da ich recht früh und unter Zeitdruck hier aufgetaucht bin, gibt es auch keine Leute. Halt, eine Person treffe ich dann doch noch. Victor aus den Niederlanden. Während ich mit über den Ort schwärme sehe ich im Hintergrund ein rotes Auto. Einen Jimny. Mehr zu mir sage ich dann aber doch hörbar: “Oh, there’s a Jimny!” Und Victor antwortet: “Yeah, that’s mine!”. Ich sage zu Victor, er soll kurz warten und fahre meinen Würfel vor. Victor lacht und zückt sofort seine Kamera und beginnt für seinen YouTube-Kanal zu filmen. Wir beide lachen und denken uns nur, wie das sein kann. In ganz Norwegen habe ich zwei Jimnys gesehen. Und dann trifft man mitten im Wald einen anderen Verrückten, der mit so einem Kübel eine große Reise macht. Victor schläft auch in seinem Auto und hat generell alles zu einem kleinen Wohnmobil umgebaut. Mitsamt Waschbecken, Küche und Kühlschrank. Natürlich autark. Stark, Victor.
Irgendwann muss ich aber leider weiter, die Fähre in Trelleborg ist gebucht und muss erwischt werden. Bästnäs werde ich aber definitiv nochmal besuchen.
Also geht es hunderte Kilometer bei Tropenhitze ohne Klimaanlage Richtung Süden. Am Abend bin ich dann doch etwas wehmütig, als ich Skandinavien mit dem Boot verlasse. Ziel: Rügen.
Dort treffe ich am nächsten Tag alte Freunde mit einem alten Bekannten, mit denen ich letztes Jahr auf Reise war. In Sassnitz besichtigen wir eine alte Kaserne, deren verlassene und teils eingestürzte Häuser eine tolle Kulisse für Fotos und Videos bieten.
Auch ein im Wald gelegener Soldatenfriedhof wird besucht. Die hier begrabenen Soldaten sind oftmals in den letzten Kriegstagen gefallen.
Das Lazarettschiff ROBERT MÖHRING, mit 737 Verwundeten und 20 Flüchtlingen beladen, geht nach einem Bombentreffer in Sassnitz in Flammen auf und sinkt. 353 Menschen sterben.
Später geht es nach Prora. Die Ruinen sind zwar weitläufig abgesperrt, vorherige enttäuschte Besucher haben aber “Türen” eingebaut. So geht es über eingebrochene Decken und über Geländerlose Treppen ganz nach oben. Schon ein bemerkenswerter Ort mit einem schönen Ausblick auf die Ostsee.
Rügen schockiert mich vor allem durch die vielen Touristen und die typisch Deutsche Unart des Miteinanderseins. So weißt mich ein Schild auf einem örtlichen Supermarkt darauf hin, die Parkscheibe zu benutzen, da ansonsten eine Parkkralle ans Auto kommt und das Entfernen 50€ kostet. Meine Güte, denke ich mir, irgendwie war es im Norden dann doch um einiges freundlicher. Willkommen “daheim”. Und ja, es ist auch dreckiger. Ich für meinen Teil weiß zumindest, wo ich in Zukunft meinen Urlaub verbringen werde. Deutschland wird dann wohl eher nur das Transitland bleiben. Schade eigentlich, aber die Alternativen sind einfach besser. Dennoch ist Rügen ein schöner Fleck Erde. Zur Hauptsaison werde ich aber wohl nicht mehr kommen.
Die Heimfahrt führt dann bei Dresden vorbei, wo ich nochmal Halt mache und alte Freunde besuche. Irgendwann und nach vielen hunderten Kilometern mit 110km/h auf der rechten Spur, kann ich die heimischen Berge sehen. Endlich. Die Freude auf daheim ist dann doch recht groß.