Ein passendes Ende der Reise.

Tag 28

1211km

Insgesamt: 12089,8km

Zwei Wochen nach Ankunft zuhause ist es an der Zeit Revue passieren zu lassen.

Der Tag in Dänemark beginnt mit Sonnenschein und bestem Wetter. Es geht weiter abseits der großen Straßen in Schlangenlinien Richtung Süden. Mit der Fähre setze ich dann nach Fehmarn in die Bundesrepublik über. Jetzt muss ich unbedingt einen Hondavertragshändler finden, der mir den überfälligen 12000km Service macht. Gar nicht so einfach, ist es doch schon 15 Uhr. Als ich eine Stunde später bei meiner im Internet auserkorenen Werkstatt ankomme, antwortet der Mechaniker, dass es eigentlich heute nicht mehr gehe, er mich aber kaum fahren lassen könne. Reisenden helfe man eben. Was ein Held. So bekomme ich ohne Anmeldung dann doch noch den benötigten Ölwechsel und generell den Service. Die Maschine hat alles gut weggesteckt und bis auf ein paar Kratzer in den Schutzbügeln, dem von den Steinen sandgeschmirgelten Unterbodenschutz und ganz viel Schmodder, Teer und Öl am gesamten Fahrzeug ist nichts zu finden. Technisch 1a, aber das habe ich mir von einem japanischen Produkt auch erwartet.

So werde ich mit der Ermahnung entlassen, dass der Hinterreifen abgefahren sei und der Vorderreifen eine enorme Sägezahnbildung entwickelt hätte. Ich bestätige diese Erkenntnis, aber nachdem zuhause ein Satz Reifen auf mich wartet, möchte ich sie hier nicht mehr gegen Neue wechseln lassen. Die Polizei wird kaum in der Nacht Profiltiefen kontrollieren und das Wetter ist ja bestimmt wie die letzten 30 Tage in Deutschland hervorragend. Außerdem fahre ich eh nur 120. Das läuft schon noch - der Trend geht eh zum Semislickreifen.

So fahre ich die nächsten 200km in die Nacht hinein. Erschreckend, wie schnell es hier schon wieder dunkel wird. In der Ferne erblicke ich ein für mich nur allzu bekanntes Bild - dicke fette Regenwolken, gepaart mit grellen Blitzen. Ich fange zum Lachen an und komme mir dezent verarscht vor. Kaum komme ich zurück, ist er auch wieder da. Nun denn - ab in den Starkregen. Wer schon mal Motorrad gefahren ist, weiß, dass des Nachts die Sicht bei Regen enorm eingeschränkt ist. So gurke ich mit abgefahrenen Reifen teils nur noch mit 70-80kmh zwischen den LKW herum, die mich zum Teil auch noch überholen. Die Straße ist ein schwarzes Loch, nur wenn Autos an mir vorbeifahren, erkenne ich die Bodenbeschaffenheit. Kompletter Blindflug. Stück für Stück ziehe ich mir mehr Kleidung unter die Kombi, die schon total aufgeweicht ist. In den Stiefeln steht das Wasser zentimeterhoch. Von außen sind die schon dicht, aber wenn übers Bein das Wasser reinfließt, hilft das auch nichts mehr. Die folgenden 800km verbringe ich im Regen, in der Kälte und in der Dunkelheit. Als ich gegen 5:30 in München ankomme, wird das Wetter wieder besser. Was denn auch sonst. An diesem Tag sitze ich wohl um die 17h im Sattel oder bin generell auf Reise. Mir reicht es, bin aber überglücklich, wieder daheim zu sein. Der Schädel brummt.

Bin ich jetzt ein Biker? Vermutlich schon. Vor nur 52 und ein paar mehr Tagen saß ich das erste Mal auf einem Krad, drehte den Zündschlüssel, genoß den Sound, die Beschleunigung, die Freiheit. Vor 53 Tagen bekam ich dann den Lappen. Schon ungewöhnlich. Viele meiner eingeweihten Freunde fragten, ob ich verrückt sei, ich würde mich umbringen, das kann nie klappen, ich hätte ja keine Erfahrung. 12.000km später trete ich den Gegenbeweis an, es ist machbar. Die Fahrumstände waren alles andere als einfach, die gefahrenen Strecken teils sehr anspruchsvoll. Manchmal legt man die Mühle im Gelände hin, manchmal gibt es Beschädigungen. Egal, dafür wurde sie gebaut. Aufstehen, Krone richten und weiter. Wenn ich daran denke, wie ich vor 12000km durch Kreisverkehre gefahren bin…, wie angespannt ich wirklich brutale Pässe gefahren bin - auweia. Die 50kg Gepäck, die Breite des Fahrzeugs, all das musste ich erst kennenlernen. Nein, so wie jetzt gefällt es mir jetzt besser. Das Gefühl ist da.

Was hat mir besonders gut gefallen? Eindeutig die Freiheit auf zwei Rädern. Das Abenteuer. Die auf der Strecke gefundene Gemeinschaft. Das war genau das, was ich am Fahrradreisen so sehr geliebt habe. Irgendwo nicht hinkommen? Schwer möglich. Mit grobstolligeren Reifen hätte es fast keine Grenzen gegeben, die hätten dann aber die Distanz nicht überlebt. Die Norweger und viele andere Touristen waren wieder mal Weltklasse. Es ist immer das Gesamterlebnis, das zählt und dazu trägt jeder Einzelne bei. Die Kommentare und Nachrichten von Freunden, die Interesse für meine Reise gezeigt haben, waren immer eine große Stütze.

Was hat mir nicht gefallen? An sich gab es da abgesehen von dem Diebstahl nichts. Aus den negativen Erfahrungen erwächst meist etwas Positives. Aber vom Wetter hätte ich mir schon etwas mehr Engagement gewünscht. Ich bin Norwegenerfahren, hart im nehmen und habe mit kaltem Wetter kein Problem. Nach ein paar Tagen Regen wird aber alles klamm. Regen kombiniert mit Kälte ist über die Dauer unglaublich fordernd und zehrt an den Nerven. Darüber hinaus musste ich abermals feststellen, wie banal doch der Massentourismus und deren Anhänger ist/sind. Natürlich hat jeder das Recht an solchen Reisen teilzunehmen, das möchte ich nicht in Abrede stellen. Dennoch ist das Verhalten mancher Touristen einfach abstoßend. Das gilt nicht nur für Norwegen, sondern beinahe für jedes touristische Ziel heutzutage. Schade. Ein Umdenken ist dringend erforderlich. Täglich zu fotografieren, zu bearbeiten und längere Texte zu schreiben ist nicht selbstverständlich. Ob der Aufwand noch dafür steht und mir nicht selbst zu viel Stress auf Reisen erzeugt, weiß ich noch nicht. Mal sehen, wie ich es nächstes Jahr handhaben werde. Immerhin kennt man die 10-20 Leute, die mit den Beiträgen interagieren, persönlich und kann sie auch gleich fragen, ob sie noch was von der Tanke brauchen.

Was hätte ich mir gewünscht? Tatsächlich hatte ich auf dieser Reise in bestimmten Momenten das erste Mal das Gefühl, nicht alleine sein zu wollen. Auch wenn ich das Alleinereisen genieße (muss man doch Menschen ansprechen, will man nicht alleine bleiben), wäre es manchmal schön gewesen, das Erlebte mit einem oder mehreren Reisebegleitern teilen zu können.

Was war das Highlight? Dieses Mal war es nicht die Ankunft am Nordkap, an dem ich jetzt schon drei mal stand. Dieses Mal war das symbolische Ende meiner Reise die Ankunft an der nordöstlichsten Grenze Norwegens, der Grenze zu Russland. Keine zehn Meter vor dem Ende der mir bekannten Welt zu stehen, hatte schon etwas magisches. Darüber hinaus gab es viele Glanzlichter auf dieser Reise. Das wirklich gute Wetter in den Bergen im Südwesten, die göttlichen Blicke auf die schroffen Berge, das weite Meer, die stürmischen Wolken im Norden, das Raue, das Unwirtliche, das Freie, das Einsame. Norwegen muss man einfach erlebt haben.

Um die sechs Monate meines Lebens habe ich nun im Zelt auf Reise verbracht. Hart erkauft, nicht immer einfach, aber doch jeden Moment wert. Danke meiner Schönheit in blau/rot/weiß/gold und auf viele weitere gemeinsame unfallfreie Kilometer. Danke allen, die mitgelesen oder -geschaut haben.

Was soll ich abschließend sagen? Es war endlich mal wieder ein richtiges Abenteuer und es wird nicht das letzte gewesen sein. Nächstes Jahr möchte ich etwas umsetzen, was ich schon seit Jahren plane und ja, es wird wieder nach Norwegen gehen.

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Ein reine Transferstrecke und die Straße ins Glück.