Jawoi!

Tag 22

526,5km

Insgesamt: 7646,5km

Der Weg weiter Richtung Osten nach Kirkenes verläuft nasskalt. Ich hänge mich an einen Tesla ran, der etwas schneller unterwegs ist. Irgendwann fahre ich um die Kurve und sehe ihn links am Rand bei der Polizei stehen. Tatsächlich: Nach 7500km die erste Radarkontrolle. Immer andere vorfahren lassen, alles richtig gemacht.

Kirkenes selbst ist ziemlich unspektakulär. Das Highlight ist wohl das Haus, das auf einem Bunker gebaut wurde. Die Stadt gilt aber auch als die Endstation der berühmten Postschiffe, der Hurtigruten. Schnell weiter.

Der Weg zur Grense Jakobselv verläuft einsam. Eine schmale Straße geht 50km ins nirgendwo. Plötzlich begleitet einen der Fluss Jakobselva zur Rechten. Dann kommt der erste gelbe Grenzpfeiler der Norweger und keine zehn Meter auf der anderen Seite des Flusses steht der russische. Wahnsinn, so nah war ich noch nie an diesem großen Land. Am Ende dann die berühmte Kapelle. 1944 nahmen die Soviets den Deutschen das Gebiet ab und gönnten sich großzügig die östlich gelegenen norwegischen Gebiete - bis heute. Befreier halt. Der Fluss endet in der Barentssee. Auf der einen Seite norwegische Posten, auf der anderen Seite russische. Die Wachtürme sieht man schon von weitem. Zwei norwegische Soldaten kommen zu mir her, fragen mich ob ich mit dem Motorrad hier hochgekommen bin und ob ich die Verhaltensregeln kenne. Ich bejahe beides und wir unterhalten uns noch ein wenig. Nette Jungs. Der kleine Friedhof beinhaltet mehrheitlich nur Kunden, die schon seit 100 Jahren tot sind. Dann gehe ich zum Kreuz, das aus Hammerfest zu Fuß hierher getragen wurde. Darunter steht: Norwegen gehört Christus. Wenn wir in Deutschland sowas sagen würden, wäre das ja fast schon verhetzend. Na lassen wir das.

Hier treffe ich einen Van aus Österreich aus dem ein älterer Mann aussteigt, der aussieht wie eine Mischung aus Hippie und McGyver. 70 Jahre seien er und seine Hündin, hat alles verkauft, den Van selbst ausgebaut und ist jetzt mal hier hoch gefahren. Was ein genialer Kerl. Respekt.

Auf dem Parkplatz merke ich, dass mein Gepäckträger hinten rechts schon wieder lose ist. Kleiner Nachtrag zu gestern: Nachdem ich wieder off-road gefahren bin und es mich erneut beim Bergabfahren aufs Maul gelegt hat, hatte ich eine Kurzzeitkrise. Gepäckträger verbogen. Im Schlamm dann eine Stunde lang gewerkelt, bis er wieder gepasst hat. Hände aufgeschürft, Kraftlosigkeit am Ende. Gepäck wieder drauf. Aufsitzen. Und feststellen, dass der Lenker schief ist. Ich sehe die Reise schon beendet. Mit schiefem Lenker fahre ich noch 50km. Die Stimmung am absoluten Tiefpunkt. So hart bin ich doch gar nicht einbetoniert. Ach herrje. Drüber geschlafen und am nächsten Tag Trick 17 wie beim Fahrrad angewendet. Nachdem ich festgestellt hatte, dass weder der Lenker, noch die Gabel (Gott sei Dank) verbogen waren, nehme ich das Vorderrad zwischen die Beine und biege den Lenker wieder gerade und - es funktioniert. Puh. Wer sich nicht zu helfen weiß, der ist auf Hilfe anderer angewiesen. So kann ich mit ein paar Gebrauchsspuren den Weg unbeschadet fortsetzen. Off-road Dinge eben. Am Ende bin ich stolz auf das Erlebte.

Der Weg zurück gestaltet sich noch regnerischer und stürmischer als zuvor. Danke Norwegen! Ich fahre nach Finland ein und sofort ändert sich die Vegetation. Was ich nun zu sehen bekomme ist Wald links, Wald rechts. Dazwischen Seen links, Seen rechts. Das wars. Kein Dorf, keine Tankstelle. Nur Zufahrten zu Häusern irgendwo im Wald. Zwei Stunden lang nur Wald. Wahnsinn. Wenn ich von Einsamkeit in Norwegen sprach, kannte ich das hier noch nicht. Wer Probleme mit Menschen hat, sollte hierher kommen. Und dann diese Straße. Perfekter Asphalt. Und ich meine wirklich perfekt. Keine Kratzer, keine Bodenrillen. Nichts, was das Motorrad aus der Ruhe bringen könnte. Als Bonus - kein Verkehr. So finde ich meine persönliche Ekstase in der Mischung aus Geschwindigkeit, Kurven, Schräglage und einfach nur Fliegen. Ein absoluter Traum.

Kaum überquere ich die Grenze nach Norwegen, ändert sich auch Flora und Fauna. Faszinierend. Felder sind zu sehen. Schafe. Es ist weitläufiger. Bewohnter. Verrückt. Die schon gelb werdenden Bäume kündigen den Herbst an.

An den Supermärkten laufende Motoren, auch wenn niemand drin sitzt. Generell findet man hier kein Virtue Signaling mit dem Current Thing der Städter mehr. Nichts. Einfach ganz normale Menschen, die niemandem etwas beweisen müssen. Angenehm.

Sorgen mache ich mir langsam um den Hinterreifen, der ordentlich abbaut. Ich dachte immer der Vorderreifen baut schnell ab, dieser hat sich nun aber stabilisiert. Man wird sehen. Ich hoffe auf etwas wärmere Gebiete in den kommenden Tagen - die Kälte nervt mich langsam.

Zurück
Zurück

Walden.

Weiter
Weiter

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!