Platz für ein neues Kapitel!
Eigentlich kann ich mein Ankommen in Trondheim am selben Tag gar nicht richtig verarbeiten. Zuviel passiert auf einen Schlag, mir fehlen die richtigen Worte. Klatschnaß suche ich mir in meinem 10 Bettzimmer einen Platz. Das ist genau das, was ich auf der ganzen Reise vermeiden wollte und es bis zu diesem Tag auch erfolgreich geschafft habe. Aber hier ist es jetzt, das Pilgergefühl. In einem Raum mit 9 Paar anderen stinkenden, klammen Wanderschuhen und deren Besitzern. Aber das ist in diesem Moment vollkommen egal. Eine Dusche, ein bisschen essen, Wärme und mein Bett. Mehr benötige ich nicht mehr.
Der nächste Tag wird tatsächlich sonnig. Unglaublich. Welch ein anderes Gefühl müssen die Pilger haben, die heute ankommen. Verglichen zu meiner Regenparade. Die Stadt lädt mit den alten bunten Holzhäusern direkt am Wasser zum spazieren und Verweilen ein. Ein Treffen amerikanischer Autos und deren blubbernde V8 Motoren erregen die Sinne. Ich stehe am Wasser und blicke auf die Landzunge, von der aus ich letztes Jahr weiter Richtung Norden gefahren bin. Fernweh überkommt mich.
Die Nidaros Kathedrale. Endlich da. Endlich geht es rein. Als Pilger kostenlos. Drinnen empfängt mich eine kalte, düstere Atmosphäre. Gleichzeitig aber unglaublich beeindruckend. Wie muss das wohl auf die Menschen vor einigen Jahrhunderten gewirkt haben, so ganz ohne elektrischem Licht? Ein Orgelkonzert höre ich mir noch an. So sitze ich da und bin total aufgelöst in mir selbst. Traurig, glücklich - die Gefühlszustände vermischen sich. Ich habe es geschafft. Ich kann sagen, ich bin 700km am Stück gelaufen. Ohne Luxus, ohne Kompromisse.
Obwohl meine Intention diese Reise zu unternehmen nicht die Religion war, setze ich mich in die Andacht mit Pilgersegnung in der angeschlossenen Kapelle rein. In Englischer, Norwegischer und Deutscher Sprache singen und beten wir. Abermals überkommt mich eine tiefe aber angenehme Leere. Nachdem alles vorbei war, sitze ich noch lange regungslos und still da. Jetzt ist sie wirklich vorbei, meine Pilgerfahrt. Ich merke, dass es den anderen auch so geht. Traurige, aber glückliche Gesichter umgegeben mich.
Am nächsten Tag erfüllt sich ein lang gehegter Traum - eine Fahrt mit der legendären Hurtigrute Richtung Ålesund. 14 Stunden später mit hervorragenden Aussichten erreiche ich spät nachts die Stadt. Ein großes Feuer vernichtete Anfang letzten Jahrhunderts einen Großteil der Holzhäuser der Stadt. Der Deutsche Kaiser und Corpsstudent Wilhelm II leistet sofort Hilfe und so kommt es, dass Ålesund komplett in Stein und im Stil des Jugendstil neu aufgebaut wurde. Ein absoluter Traum. Insgesamt laufe ich dreimal auf den Aussichtsplatz auf einer Deutschen Bunkeranlage nach oben. Zu meinen Füßen die Stadt, am Horizont nur das Wasser, kleine Inseln und hohe Berge. Unbeschreiblich schön. Alles in allem laufe ich 30km durch die Stadt und genieße jeden einzelnen Zentimeter davon. Abends möchte ich mit den Hurtigruten weiter nach Bergen fahren. Leider ist nur noch eine Kabine der Luxusklasse frei, welche ich dankend ablehne. Für eine reine Nachtfahrt zahlt sich das einfach nicht aus. So gehe ich ein viertes Mal auf den Berg rauf um dort, wo ich den Sonnenuntergang meines Lebens sehen durfte, mein Zelt aufzuschlagen. Tatsächlich war dieser Tag etwas ganz Besonderes für mich.
Am nächsten Tag fahre ich dann mit dem Bus fast 10 Stunden nach Bergen. Eine tolle Landschaft verkürzt die Reise ungemein. Leider ist das Wetter schlechter geworden, sodass ich meine weiteren Pläne absage. Die Trolltunga und Bergen müssen warten. So fliege ich heute nach 34 Tagen in diesem atemberaubenden Land wieder nach Hause.
Ich sage Danke Norwegen! Danke für Deine Gerüche, Geschmäcker, Menschen, Freundlichkeit, Natur, Tiere und vieles mehr.
Ich kann jeden nur ermutigen eine ähnliche Reise zu unternehmen. Lasst den Alltag hinter Euch, verlasst Eure Komfortzone. Taucht ein in eine Zeit, wo Zeit keine Rolle spielt. Bekommt die vollkommene Ekstase, in dem Ihr einen Zustand erreicht, wo nur noch Ihr als Mensch zählt. Frei von Oberflächlichkeiten, frei von Materiellem, frei von Terminen, frei vom Alltag. Einfach nur mal Leben. Durchatmen.
Norwegen, Du siehst mich wieder! Danke.