Norge.

Tag 29

Alta-Nordkapp

366km

Insgesamt: 6248km

Die Nacht in Alta war nasskalt. Weiter nach Hammerfest. Dort angekommen, scheint aber wieder die Sonne. Rentiere laufen seelenruhig durch die Stadt.

Apropos Rentiere - an einer Tankstelle sehe ich einen Geländewagen mit Frontschaden und Dreck überall auf dem Auto. Der Dreck ist natürlich Fleisch, Blut und Gedärme eines Rentiers - sieht der Profi sofort. Wenig später auf dem Weg ans Nordkapp dann traurige Gewissheit - eine riesen Blutlache an der Seite der Straße. Das Tier wird es einfach zerfetzt haben. Man muss höllisch aufpassen bei diesen flauschigen Zeitgenossen, mir wäre ja auch schon fast mal eines reingelaufen.

Wir biegen auf die letzte Straße Richtung Norden ein. Jetzt geht es schon durch den neuen Tunnel, der die letzten paar Jahre gebaut wurde. Letztes Jahr bin ich noch an der Küste um den Berg herum gefahren. Immer mehr Radfahrer auf der Straße. Ich weiß genau, was die jetzt denken. Mir geht es auch nach all den Jahren nicht anders.

Die Landschaft, karg. Keine Bäume, keine Sträucher mehr. Dafür Moose und Gräser. Schroffes Gestein. Dazwischen diese eine Straße.

Wir biegen rechts in einen Feldweg ab. Ich kenne ihn schon vom letzten Jahr. Off-road. Off the grid. Hin zu einer alten Stellung aus dem Zweiten Weltkrieg, die beim Rückzug selbst gesprengt wurde, um nicht den Russen in die Hand zu fallen. Auf dem Pfad sind Wasserdurchfahrten, die zum Spielen einladen. Das Wasser schwappt an der Seite vorbei, die Autos sehen endlich aus, wie sie als Geländewägen aussehen sollten. Dirty. Spitze Steine ragen aus dem Untergrund. Tiefe Abgründe erfordern schon ein gewisses Maß an Bodenfreiheit. Alles schaukelt, alles wackelt und knirscht. Ein Traum - bei uns daheim - zumeist illegal. Die letzte Anhöhe kommt in unseren Blick. Nach über 70 Jahren steht hier noch der Stacheldraht auf den Sauschwänzen, verrostet, eingewachsen. Von Wind und Wetter geprägt. Aber noch da. Ein Teil einer apokalyptischen Szenerie, die von Vergangenem erzählt. Unwirklich, aber doch da. Vorne, an der Landzunge, zwischen den Überresten der zerborstenen Bunker mit 2m Betondecke, sehen wir einen Adler in der Luft kreisen. Unten die Wellen, die gegen die zerklüfteten Felsen schlagen. Nur der Wind. Die Gräser bewegen sich vor und zurück. Absolute Stille. Absolute Einsamkeit. Absoluter Wahnsinn.

Wieder auf Kurs. Da ist er wieder, der 7km lange Nordkapptunnel. Dieses Mal wird im Tunnel gearbeitet, darum geht es nur mit einem Leitfahrzeug durch den Tunnel. Einer der Arbeiter, ein Ägypter, ist ganz begeistert von unseren dreckigen Fahrzeugen. Ein nettes Gespräch entwickelt sich, voller Herzlichkeit. Wir Deutschen seien „Crazy people“. Ich kann das nur bejahen.

Honningsvåg. Der letzte Außenposten vorm Ende des europäischen Kontinents. Die letzte Straße. Ich weiß, was jetzt kommt. Man wird innerlich ruhig. All die Erinnerungen einer langen Reise kommen auf den letzten 30km hoch. Und die vergangener Reisen. Es ist nichts los auf der Straße. Die Sonne ist im Begriff unterzugehen. Traumwetter.

Wie in Trance fahre ich dahin. In Gedanken. Kurzzeitig fühle ich mich schlecht. Vor sechs Jahren war ich nun das erste Mal hier oben. 26 Tage für 3000km, jetzt 29 für 6300. Ich will jetzt nicht mehr schnell fahren, lasse mich treiben. Hinter mir das schwarze Ungetüm im Abendhimmel, gewohnter Anblick und treuer Begleiter der letzten Wochen. Man denkt an die Vergänglichkeit, das Altern und die Schönheit dieses Landes. Man denkt an die vergangene Tage, an das Erlebte. Man denkt an all das Belanglose in der Heimat, all den Luxus, den man hat, der einen aber nur kurzfristig „glücklich“ macht. Nach knapp 30 Tagen Minimalismus, Schlafen auf 1cm Schaumstoff, Obdachlosigkeit, Wärme und Kälte, Nässe und Trockenheit, merkt man abermals, wie unwichtig vieles ist und wie gut es einem doch geht. In der Ferne wird man aber auch an die wirklich wichtigen Dinge erinnert. Die, die unersetzlich sind. Die, die wichtig sind. Die, die fragil sind. Familie, Freunde, Heimat, Identität, Gesundheit, Friede.

Endlich da. Eigentlich wollte ich nie ankommen, bedeutet es doch stets auch das Ende einer Reise. Ab auf den Parkplatz, der gar nicht mal so voll ist. Die Kreuzfahrtschiffe sind um die Uhrzeit schon wieder auf der Weiterfahrt. Wir sehen sie tief unter uns in der Ferne. Zündschlüssel umdrehen, der Motor verstummt. Ein paar Sekunden Ruhe. Dann aussteigen, sich umarmen. Es haben wirklich beide Autos geschafft. Manchmal hatte ich meine Zweifel. Auf so einer langen Reise kann vieles schief gehen. Es geht zu Fuß die paar Meter an die Weltkugel, wo dann doch einiges los ist. Eine lange Schlange an Menschen wartet darauf ihr Foto machen zu können. Im Hintergrund versinkt die Sonne glutrot im Meer. Meine Güte, wie viel Glück kann man haben. Ich warte dennoch, bis sich der Spuk langsam auflöst und ich etwas Ruhe habe.

Mein weithin sichtbares rotes Zelt baue ich hinterm Parkplatz auf einem Hügel auf. Noch schnell ein bisschen gefilmt, ein Bier getrunken und Würstel gegrillt, dann gehts auch schon ins Zelt. Die Dunkelheit holt mich ein.

Vier mal Nordkapp in sechs Jahren. Vermutlich bin ich jetzt eine Art Veteran. Ein unbelehrbarer Wiederholungstäter, ein Abhängiger. Aber ich weiß, dass sich all die Mühen gelohnt haben. Carpe diem, solange man es kann.

Wieder einmal.

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IMMER vOlLTaNkEn!1einself

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